Protest 2014

Infantil, bildungsfern & tumb


Gewinnt die Welt an Komplexität, verliert der geneigte Weltinteressierte schon mal den Überblick und sucht sich Hilfe. Diese findet er bei denen, die über das - zuweilen zweifelhafte - Talent verfügen, die Zusammenhänge so stark zu vereinfachen, dass sie wieder "verständlich" sind. Pipi Langstrumpf lässt grüßen: Ein wohliges Gefühl der Sicherheit stellt sich ein, gewinnt man doch wieder an Perspektive, erkennt Lösungen und entzieht sich den Anforderungen der Realität. Dabei spielt es keine Rolle, wer es letztlich ist, der die entsprechenden Lösungen anbietet. Es ist Geschmacksache - so wie die Wahl zwischen iPhone und Galaxy S irgendwas. So findet sich die eine Gruppe der Verkürzungs-Fans auf Montagsmahnwachen, die andere Gruppe brummt im Kategorie C-Block der Hooligan-Szene. Nur selten kommt es vor, dass einer der großen Verkürzer in Ungnade fällt, wie neuerdings Jürgen Elsässer - seines Zeichens Urgestein der Verschwörungstheoretiker-Szene.



Brüder im Geiste



Zugegeben - die Hooligan-Szene reduziert sich selbst auf fremdenfeindliche Ressentiments, was kaum verwundert. Man ist treu - natürlich auch seiner (unrühmlichen) Geschichte. Diese Treue mag dann auch ursächlich dafür sein, dass selbst ein formal hoher Bildungsstand (auch das gibt es bei einigen wenigen Teilnehmern) nicht davor schützt, sich zu denkbar dummen Aussagen hinreißen zu lassen. Das Bedürfnis nach Einfachheit scheint auch bei denen alles zu dominieren, die es eigentlich besser wissen müssten. Was die tumbe Restmenge betrifft, erübrigt sich jeder weitere Kommentar und damit wäre im Grunde auch schon alles zur Szene gesagt. Es geht ihr nicht um den Salafismus, im Mittelpunkt steht, auf sich aufmerksam zu machen und - man möchte fast sagen: Zum Glück - fallen sie derart deutlich in ihre bereits bekannten Verhaltensmuster zurück, dass daran kaum ein Zweifel bestehen kann. Ein sinnbefreiter rechter Mob bleibt was er immer war.


Immer wieder Montags ...


Deutlich komplexer und riskanter verhält es sich mit den Teilnehmern der Montagsmahnwachen, die sich differenzierter darstellen. Sie fühlen sich dem "Guten" und natürlich dem "Frieden" verpflichtet und werden nicht müde, es zu betonen. Glaubhafter wird es dadurch allerdings nicht, denn auch diese Szene versucht lediglich wahnhaft, ihre alten Losungen im neuen Gewand an den Mann und die Frau zu bringen. Auch hier ist die Anfangsthese "hart wie Kruppstahl". Gleich, was auf dieser Welt an Negativem geschieht - die USA, die Europäer und natürlich die "Hochfinanz" tragen Schuld und Verantwortung. Hierauf werden sämtliche Vorgänge hin überprüft und es finden grundsätzlich nur die "Fakten" Beachtung, die die Ausgangsthese stützen.

In der Folge ist man sich denn auch nicht zu schade, all die mit über die argumentative Klinge springen zu lassen, die den Fehler machen, sich von den durch die Montagsmahnwächler definierten "Schwarzen Schafe" helfen zu lassen. Forderungen, die von dieser Seite erhoben werden, verfolgen allesamt das Ziel, den vermeintlichen Hauptverursacher zu diskreditieren. Hier teilt sich die Welt in Gut und Böse. Gut ist Solidarität, böse ist es, wenn die USA oder Europa im Spiel sind. Perfider noch: Äußert eine Bevölkerung - wie im Fall der Ukraine - den Wunsch nach mehr Europa, gelten sie fortan grundsätzlich als faschistisch und ausgerechnet Russland wird fast heilig gesprochen. Da spielt es auch keine Rolle, dass die in Europa und in den USA eingeforderten Menschenrechte gerade dort nicht allzu viel gelten. Derartiges wird ausgeblendet. Was zählt, ist allein die Gegnerschaft zu den USA und Europa. Einfacher kann man ein Weltbild kaum gestalten, gefährlicher kann es kaum sein und verantwortungsloser den Leidtragenden gegenüber auch nicht.

Natürlich liegen die Motive der Hooligans und der Mahnwächler weit auseinander und die Ziele vermutlich auch. Im Grundsatz jedoch erliegen beide Gruppen dem Gift der Verkürzung - mit den hinlänglich bekannten Folgen. Sie tun Dinge, die niemandem helfen aber vielen schaden, nicht zuletzt der öffentlichen Diskussion, die mehr Differenzierung benötigt. Die, denen angeblich geholfen werden soll, bleiben im Regen stehen. Die substanzlose Solidarität der Montagsmahnwächler hilft den Betroffenen so wenig, wie das dümmliche Gepoltere der rechten Szene. Sie alle sind in ihrer Entwicklung in den frühen 1980er Jahren stehen geblieben und erfassen die Zusammenhänge im 21. Jahrhundert nicht einmal in Ansätzen. Sicherlich hatte auch diese Form des Protestes seine Zeit - nur eben nicht im Hier und Heute.





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