Wenn der Amtsschimmel wiehernd

auf der Leitung steht

von Volker Werbus    

 




Für alle die mich nicht kennen, ich gehöre zur Generation 50+, habe vor knapp einem Jahr einen Verein gegründet, der sich um Internetzugang in Flüchtlingsunterkünften bemüht (Refugees Online e.V.) und renne seit Monaten gegen Wände. An Stellen, an denen man es zunächst überhaupt nicht vermutet. Und weil das so ist, erfolgt es oft ungebremst und ist damit manchmal auch recht schmerzhaft. Beispiele gefällig? Bitteschön!


Der Wachdienst. Von meinen Steuergeldern bezahlte Firmen, die für die "Sicherheit" in Flüchtlingsunterkünften zuständig sind. Verfügen über Generalschlüssel und sind damit wichtig. Erwarten Kniefall oder andere Huldigungen, wenn mal eine Tür aufgesperrt werden soll. Beschäftigen Menschen, die offen sagen, dass sie am liebsten mal mit dem Knüppel dazwischen gehen würden. Nein, nicht zwischen die Pegida-Anhänger dieser Welt, gemeint sind geflüchtete Menschen in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Einige positive Erlebnisse mit Wachdienstlern sind die Ausnahme und bestätigen die Regel.


Der deutsche Amtsschimmel. Wiehert laut und vernehmlich, wenn es um Fluchtwege, Brandschutzvorschriften und juristische Bedenken gegen Internetzugang für geflüchtete Menschen geht. Schweigt zu vergammelten Steckdosen ohne Abdeckung, bei denen spannungsführende Teile für Kinderhände erreichbar offen liegen. Schweigt auch zu Wartezonen für Geld- oder Kleiderausgabe unter freiem Himmel bei strömenden Regen. Sagt nix zu Hunderten von Menschen, die an der Grenze in der Eiseskälte die Nacht im Freien verbringen müssen. Wo wir doch so viel Entwicklungshilfe an das Herkunftsland und seine (meist hochgradig korrupten) Politiker gezahlt haben. Da kann man doch erwarten dass die Leute daheim in ihrem gemütlichen Land bleiben ...


Kommerzielle Firmen mit dem Anstrich von Hilfsorganisationen. Warum hatte ich nicht die Idee? Manchmal ist man echt zu doof.

Man nehme: Einen ‚Private Equity Fonds' mit Sitz in einer bayerischen Großstadt und repräsentativer Geschäftsadresse. Ein paar unterbezahlte Mitarbeiter aus der Ukraine, Weißrussland oder vergleichbaren Niedriglohnländern und einen netten Vertrag mit der öffentlichen Hand zur "Betreuung" von Flüchtlingsunterkünften. Ach ja, die T-Shirts und Base-Caps mit Firmenlogo nicht vergessen! Und diese Burschen stehen zu dritt mit verschränkten Armen hinter mir und witzeln rum, während ich auf dem Boden rumkrieche und LAN-Kabel verlege. Und auf meine Frage, ob mir nicht jemand helfen kann, ernte ich die Antwort "Dafür sind wir nicht zuständig". Und mein Steuergeld sorgt dafür, dass der Laden im ersten (!) Geschäftsjahr nach der Gründung schon über eine Viertelmillion Euro Gewinn gemacht hat. In richtigem Geld sind das über eine halbe Million ... ach egal. Mir ist das Messer in der Hose ohnehin schon aufgegangen.


Prioritäten. Insbesondere die, die "Betreiber" von Flüchtlingsunterkünften setzen. Da gibt es die Unterkunft, in die genau 2 Telefonleitungen gehen. Eine davon für den Hausmeister, der einmal die Woche da ist, die andere für die Mitarbeiterin einer sehr großen Hilfsorganisation der Kirche, die einen befristeten 15-Wochenstunden-Vertrag zur Betreuung von 200 Menschen hat. Und weil es extrem wichtig ist, dass diese 2 Menschen ins Internet gehen und telefonieren können, bleibt für die Bewohner der Einrichtung - leider, leider- keine Leitung mehr übrig. Shit happens.


Oder die Teilzeit-Mitarbeiterin einer bayerischen Bezirksregierung, die es partout nicht versteht, dass ich auch noch einen Beruf und damit verbundene Arbeitszeiten habe und leider nicht vorbeikommen kann, wenn sie auch gerade mal da ist. Dann bleibt die Tür zum Technikraum eben zu und die Bewohner ohne Internet. Wo kommen wir denn da hin, wenn die Ehrenamtlichen sich am Ende nicht mehr nach den Befindlichkeiten von RegierungsmitarbeiterInnen richten müssten ...


Ein Lichtblick: Nicht alle sind so engstirnig. Ich habe eine andere Kollegin der gleichen Regierung erlebt, die sich über alle Vorschriften hinwegsetzend zur Herausgabe eines Schlüssels an mich entschlossen hat. Und das obwohl ich nicht Ü3-sicherheitsüberprüft, verbeamtet und Amtseid-Beschwörer bin. Es ist gerade so gutgegangen und es wurde kein staatliches Eigentum beschädigt.


Apropos beschädigt: Das Einschlagen von Nagelschellen in einen Fensterrahmen einer nicht mehr ganz taufrischen Kaserne zum Zwecke der Befestigung von LAN-Kabeln ist Sachbeschädigung und wird mit einem oder zwei strengen Verweisen geahndet. Wir haben die vor sich hin marodierende Bausubstanz aber wieder gerettet und auf unsere Kosten farblich passenden Reparatur-Spachtel besorgt und die riesigen Löcher, also fast schon einen Millimeter im Durchmesser, fachgerecht verschlossen und den ursprünglichen Zustand wieder hergestellt. Sagte ich schon dass wir in dieser Einrichtung hunderte Stunden ehrenamtlich mitgearbeitet und geholfen haben? Ja? Na, dann ist ja gut.


Aber ich möchte die ganz Hartnäckigen unter den Lesern, also diejenigen die bis hierher durchgehalten haben, mit einer positiven Botschaft entlassen: 2 Minuten Blicke in die dankbaren Augen der vielen Menschen, denen wir mit einer so simplen Sache, wie Internetzugang helfen, reichen aus, um den ganzen oben geschilderten Mist wieder zu vergessen. Zumindest eine Zeit lang. In diesem Sinne: Never give up!

 


06/11/15      

Volker Werbus      






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Volker Werbus, Häuptling einer Softwarefirma in der Nähe von München, gründete vor über einem Jahr den Verein "Refugees Online e. V.", der sich zum Ziel gesetzt hat, Flüchtlingsunterkünfte an das Internet anzubinden.

Im Prinzip eine unkomplizierte Angelegenheit, wenn da nicht der deutsche Amtsschimmel ins Spiel käme.

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