Diekmann macht den Laden dicht





Wer einen sogenannten 'Adblocker' installiert hat, also ein Tool, das, soweit als möglich, jede Werbung unterdrückt, darf die online-Seite von BILD künftig nicht mehr 'besuchen'.


Jetzt einmal völlig unabhängig von der Frage, ob sich ein solcher 'Besuch' überhaupt lohnt, fragt man schon als user und potentieller Leser/Kunde, was hinter solch einer Aktion stecken mag.


Es ist ja nur nicht die BILD, die zu solchen 'Strafmaßnahmen' greift. Auch die FAZ hat seit einiger Zeit einen derartigen disclaimer, ermöglicht aber noch den Zugriff auf die Artikel. Die taz praktiziert das schon länger so, die SZ beschränkt die Anzahl der pro Woche abzurufenden Seiten und einige andere auch. Es dürfte aber nur noch eine Frage der Zeit sein, bis alle dem Springer-Vorbild folgen werden.

Aus Sicht der betroffenen Verlage und Redaktionen mag das ja durchaus auf den ersten Blick Sinn machen. Auch online-Journalismus gibt es nicht für lau und irgendwie müssen die Investitionen, die da hineingesteckt werden, sich auch wieder in der Jahresbilanz bemerkbar machen. Und da setzt man nach wie vor auf Werbung und den Einnahmen aus der Platzierung derselben.
Andere verstecken ihre Artikel lieber gleich hinter einer sogenannten 'paywall'. Sprich, wer nicht zahlt, darf auch nicht lesen.

Aus unternehmerischer Sicht, und Medien sind nun einmal Unternehmen und keine sozialen Einrichtungen, zunächst eine verständliche Reaktion.
Aus Sicht des Lesers stellt sich aber eine ganz andere Frage. Wird der Content, werden also die Artikel, die Informationen, die transportiert werden dadurch besser, gehaltvoller, fundierter, professioneller recherchiert, wenn ich dafür den Betrag XY bezahle?


Die Antwort ist relativ einfach und unbefriedigend. Nein, sie werden es nicht. Zumindest nicht derzeit.



Damit das geschieht, müsste ein komplettes Umdenken in den Verlagshäusern, den Chefetagen und den Redaktionen stattfinden. Man müsste sich hinsetzen und noch einmal  darüber nachdenken, was Journalismus eigentlich bedeutet, was man damit erreichen will, welche Verantwortung man bereit ist, zu übernehmen, wie professionell man arbeiten will, was  man dem Leser auf den Weg geben kann, wie man den Leser fundiert und möglichst verständlich informiert.
Das gab es alles einmal, ist aber längst in Vergessenheit geraten. Da hatte man zuhause diverse Zeitungen herumliegen. Informierte sich, las über die ein und dieselbe Sache verschiedene, teilweise sehr konträre Meinungen und versuchte sich selbst ein Bild zu machen.

Und heute?

Was früher die Zeitungen vor der Tür, oder im Briefkasten waren, sind heute nun einmal überwiegend die online-Medienangebote.

Klickt man aber die diversen online-Seiten der Medien durch und davon gibt es jede Menge, liest man überall nur die gleiche Meldung. Warum? Weil sie alle auf die selben Quellen zurückgreifen, sei es DPA oder Reuters oder andere.
Man setzt auf Schnelligkeit, jeder will der erste sein, der das bringt. Ob die Meldung tatsächlich aber richtig ist, dazu bleibt keine Zeit mehr, das zu verifizieren. Recherche? Reportagen vor Ort? Überwiegend Fehlanzeige

Ist das eigentlich noch Journalismus oder nur noch reine Textverabeitung ohne nachzudenken?

Die Medien stecken in einer Krise, ohne Zweifel. Und das nicht erst seit kurzem, sondern schon länger.
Nur, statt einmal in sich zu gehen und darüber nachzudenken, warum sie denn nun wirklich in der Krise stecken, suchen sie krampfhaft Schuldige von außerhalb.
Mal sind es die einbrechenden Einnahmen durch Werbung, dann ist es die Konkurrenz, die mit allen Mitteln Marktanteile streitig machen will. Das Internet ist schuld, weil es sich nicht kontrollieren läßt, aber der Hauptschuldige ist nach wie vor der Leser, der nicht mehr bereit ist, zu bezahlen.

Dass man einen Leser, den man jahrelang mit frei zugänglichen Informationen und sonstigem Firlefanz, wie Communities, in denen man ihm vorgaukelte, seine Meinung sei etwas wert, seine Mitwirkung erwünscht etc. angefüttert hat, nun nicht von heute auf morgen daran gewöhnen kann, dafür zu bezahlen, dürfte eigentlich auf der Hand liegen.

Jetzt aber herzugehen und ihn dafür zu bestrafen, sich hinter paywalls verstecken zu wollen, nur weil man nicht mehr weiter weiß, ist pure Panikreaktion. Damit kann man sich nur ins eigene Fleisch schneiden.

Die Medien müssen umdenken. Den Wettstreit mit dem nicht kontrollierbaren Informationsangebot im Internet können sie nicht damit gewinnen, dabei der Schnellere zu sein, sondern nur damit, indem sie wieder auf alte Werte setzen und die bedeuten, fundierte gut recherchierte Hintergrundinformationen zu liefern und nicht mehr den Einheitsbrei, der sich, egal, wohin man sieht, breit macht.

Medien müssen lernen, sich wieder voneinander abzugrenzen, auf Konkurrenz zu gehen, eigene Identitäten zu entwickeln. Vor allem wieder, voneinander unterscheidbarer zu werden. Die corporate identity ist flöten gegangen beim Kampf um den Leser und damit der Wiedererkennungswert der Marke selbst..

Und wenn das geschieht, dann darf man sich fast sicher sein, dann ist der Leser auch wieder bereit, dafür den entsprechenden Obolus zu entrichten.



13.03.15  gvg     

comments powered by Disqus