Dein Leser, der wütende Verbalprolet!



Die etablierten Medien scheinen endgültig die Nase voll zu haben von ihren Leserbriefschreiber/Innen, die sich selbst neuerdings auch "Bürgerjournalisten" nennen und sowieso alles besser wissen und können.

Machte sich die Kollegin Diener in der FAZ vor kurzem berechtigterweise endlich einmal Luft ob des unerträglichen Verhaltens dieser Verbalproleten,

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/troll-kommentare-meine-tage-im-hass-13038925.html


reagierte kurz darauf der Tagespiegel souverän auf eine öffentliche Abo-Kündigung einer Leserin mit dem Hinweis, sie sei nun einmal ein "bedauernswertes Opfer der russischen Propaganda."



Nun zieht auch der Freitag nach:

http://www.freitag.de/autoren/community-redaktion/kennzeichnungspflichtig

Offenbar hat man nun endlich begriffen, dass die "Oeuvres" der zuvor so gehätschelten Blogger überwiegend negative Wirkung und nicht den erhofften positiven Push erzielen und markiert sie seit kurzem so, dass, hoffentlich, auch der letzte durchgeistigte Abonnent erkennen kann, dass diese eben nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben und auch nichts mit dem redaktionellen Teil der Zeitung zu tun haben.

Eine richtige Entscheidung, längst überfällig, vor allem, wenn man ungeprüft jeden Text veröffentlicht, aber so allein auf sich gestellt, nur kosmetischer Natur. Ein solcher Hinweis dient zwar einem dezenten Schutz vor möglichen rechtlichen und anderen Querelen, den Ärger hat man dadurch noch lange nicht vom Hals. Die Hauptverantwortung für das, was veröffentlicht wird, liegt nach wie vor beim Betreiber der Plattform.

Der Durchschnittsblogger, vor allem, emotional und ideologisch aufgeheizt, oft auch wütend, frustriert und mit dem Gefühl der Ohnmacht konfrontiert, neigt nun einmal dazu, sich alles von der Seele zu schreiben, ob es nun rechtlich einwandfrei ist, oder nicht. Da helfen auch keine AGB, Appelle an eine Netiquette oder den gesunden Menschenverstand.

Die Kennzeichnung, bzw. klare Abgrenzung von professionell betriebenen redaktionellem Teil und des daneben zur Verfügung gestellten Bolzplatzes für den Leserbriefblogger ist aber nur ein Schritt von mehreren und ändert nicht das Grundproblem, mit dem online-Medien mit entsprechenden Angeboten für ihre Leserschaft derzeit zu kämpfen haben.

Will ich das unterbinden, muss ich als Verantwortlicher bereit sein, weiter zu gehen.

Eine Ursache dieser Auswüchse liegt in der Anonymität, die das Internet dem Nutzer bieten kann, zumindest in ihm den Anschein erweckt, er sei anonym unterwegs.

Das führt dazu, dass unter diesem Deckmäntelchen der Anonymität fröhlich gewettert, beleidigt, diffamiert und gemobbt wird, teilweise in einer Tonart, die man früher als Gossensprache bezeichnete. Hemmungen scheinen da manche nicht mehr zu haben.
Eindämmen kann man das nur, in dem man beispielsweise die Hürden bei der Anmeldung erheblich höher legt als sie jetzt in den meisten Fällen vorzufinden sind.

Ein Weg wäre ein Identsystem mittels personenbezogener Daten. Die bleiben beim Betreiber und der Nutzer hat die Möglichkeit nach außen hin nach wie vor unter Pseudonym zu schreiben, wenn er seinen Klarnamen nicht verwenden will. Vorteil dieser Registrierungsvariante, die Hemmschwelle, sich unflätig aufzuführen wird erheblich höher und die Möglichkeit, dass sich jemand gleich mehrere Nicknamen zulegt, um nach Lust und Laune herumtrollen zu können, ist damit weitestgehend ausgeschlossen.

Einige verwenden diese Variante schon, andere schrecken davor zurück, weil sie einen höheren Aufwand befürchten und ein Ausbleiben der schreibenden Kundschaft.
Die Angst ist unberechtigt. Ausbleiben werden mehr und mehr die Störer, die Trolle. Denen wird das Risiko und der Anmeldeaufwand zu hoch. Wer Fundiertes mitzuteilen hat, wird diesen Schritt in Kauf nehmen.

Eine Maßnahme, die auch zu mehr Qualität in den Beiträgen der bloggenden Leser führen kann.

Zusätzlich sollte man den redaktionellen Teil von den Foren, oder Communities, in denen sich die Nutzer schreibend betätigen können, klarer von einander abgrenzen. Es muss für einen Leser der Zeitung auf den ersten Blick erkennbar sein, was aus der Redaktion stammt und was vom privaten Freizeitblogger.
Diese Übersicht für den Neuleser ist auch wichtig, um das Produkt "Zeitung" beurteilen zu können. Natürlich gibt es auch unter den privaten Blogs Artikel, die man in den redaktionellen Teil jederzeit übernehmen könnte, aber das sind die Ausnahmen.

Wichtig ist aber nicht nur die Überwachung der Blogs, die online gestellt werden können, sondern das Hauptproblem sind nach wie vor die Kommentare. In denen wird sich überwiegend ausgetobt.
Die unter Kontrolle zu bekommen ist auch eine extrem wichtige Frage für die Reputation eines Mediums.

Man kann es vergleichen mit einem 5 Sterne Luxushotel.
Wenn ich ständig eine gröhlende, keine Grenzen beachtende Horde von typischen Ballermann-Junkies einquartiere, dann bleiben mir nicht nur die Gäste aus, die ich eigentlich haben möchte, sondern betreibe irgendwann nur noch eine billige, herunter gekommene Absteige.

Und das will ja wohl keiner.


gvg    

 
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