Heute schon empört?

Wenn Worten keine Taten folgen wollen


 





Indignez vous!“ (Empört Euch!) forderte Stéphane Hessel 2010, also noch vor gar nicht langer Zeit, vor allem die jungen Europäer auf, den Widerstand zu proben.

Vor allem gegen die ausufernde und menschenverachtende Finanzwirtschaft, gegen Ausländerfeindlichkeit, für die Rückbesinnung auf die Menschenrechte und den Sozialstaat und natürlich, wie sollte es auch anders sein, für den Pazifismus. Die kurze Streitschrift, vielfach übersetzt machte die Runde.


Und erreichte irgendwann einen, noch gerade so als jugendlich zu bezeichnenden ‚irgendwie linken‘ Reporter, Journalisten, Verleger und Herausgeber, sehr auf seine ‚irgendwie linke‘ Imagepflege bedacht. Dieser wiederum, den Gedanken Hessels nicht ganz abgeneigt, aber marktstrategisch eher dem Umfeld zuneigend, das Hessel eigentlich empört zu Fall bringen möchte, dachte sich wohl bei seines Vorredners Essay, mal gerade 14 Seiten stark, nicht kleckern, sondern klotzen heißt die gewinnorientierte Devise und tippselte ein Buch zusammen. 304 Seiten durch die man sich hindurch (be)müht, um am Ende nicht schlauer sein zu dürfen als am Anfang. Gab sich Hessel noch mit einem ‚Empört Euch‘ zufrieden, nennt Jakob Augstein nun sein ‚Oeuvre‘ knallig martialisch ‚Sabotage‘.


Klingt auf den ersten Blick und ohne es gelesen zu haben eigentlich ganz logisch. Erst die Empörung und dann geht es ins Eingemachte, dann wird Hand angelegt und sabotiert, sprich gehandelt. So dachte und handelte man jedenfalls einmal.

Pustekuchen. Beide, weder Hessel noch Augstein trauen sich aus ihren Sabots (Puschen). Wobei Hessel als ehemaliges, gegen die deutschen Besatzer kämpfendes Résistance-Mitglied noch eher wissen müsste, dass man mit ‚friedlicher Revolte‘ zwar sein Gewissen beruhigen, aber nicht gewinnen kann. Es ist leider zu spät, um diesen Widerspruch zwischen Revolte einerseits und friedlich andererseits mit ihm diskutieren zu können. 'La lutte continue et la bagarre est forcément partie de cette lutte'.


Bei Augstein ist das schon anders. Mangels entsprechender radikaler Vergangenheit, bleibt ihm nur der weichgespülte Blick der Friedensbewegungsgeneration. Er gehört nun einmal zu der Generation, die nicht mehr auf Bäume steigen und dann von oben herunterfallen durften. Freiheit ist für diese Generation ein philosophisches Gebilde über das man stundenlang diskutieren kann, aber nie wirklich erleben durfte. Diese und alle Nachfolgenden Generationen kennen nur die Freiheit, die man sich erkaufen kann und wer dazu nicht in der Lage ist, hat eben Pech gehabt. Man kann ihm keinen Vorwurf daraus stricken. Nur den, dass sich diese Generation der Angepassten, der Risikoverweigerer und Schönfärber offenbar nicht getraut hat, diese Freiheit einfach zu nehmen. Sie steht schließlich jedem frei zur Verfügung, der sie auch will. Nur, Freiheit muss man sich erkämpfen. Die, die man sich nur einredet und vorgaukelt, ist keine. Nicht einmal eine Option.

Und so darf es einen nicht wundern, wenn von Augsteins ‚Sabotage‘ nicht mehr am Ende übrigbleibt, als der Aufruf zur Empörung: „Indignez vous!“, aber mit einem: 'Tretet bloß keinem dabei auf die Füße'.

 

Und mittlerweile empört man sich fleißig. Ist es doch so einfach geworden, seine Wut, seinen Frust, seine Entrüstung in die weite Welt hinauszuposaunen. Irgendeiner wird einem schon zuhören und, das ist ja auch der Zweck dieser Empörungseuphorie, einem beipflichten und plötzlich ist man nicht mehr so allein.

Und wie man sich empört, über zerrupfte Legehennen, wie über elendiglich absaufende Flüchtlinge. Man empört sich über Seehofer, Merkel, Gabriel, Müller-Schulze-Lehmann, über den Tatort, BILD, das tägliche Wetter, die Lottozahlen und schießfreudige NeoNaziAfDler. Man findet immer etwas, Hauptsache, man hat sich jetzt mal deutlich empört und es geht einem gut hinterher und man kann beruhigt aufs Dschungelcamp um- und abschalten. Aber man wird ja wohl noch mal sagen dürfen.........


Morgen ist ja wieder ein Tag. Zum Empören. Und das Schöne dabei, es ändert sich nichts und man macht sich dabeinicht einmal die Hände schmutzig.

Ein Synonym für Empörung ist 'Entrüstung' und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Ich empöre mich, also entrüste ich mich. Streife meinen Schutz, also meine meine Waffen ab, mache mich wehrlos, angreifbar, hilflos und handlungsunfähig.


Und damit will man den neuen Nazis in diesem Land Paroli bieten?

 


                                                                                                                                                        gvg      

                                                                                                                                                        01.02.16     



   

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