München: Die 'Engel' vom ZOB

von Kai Kitschler                              

 




Hallo, alle zusammen, es ist einmal wieder höchste Zeit, das Erlebte niederzuschreiben. Oder vielmehr meine Seele zu erleichtern. Ich war jetzt zum dritten Mal am ‚Zentralen Busbahnhof‘. Ich bin gerne bei den ‚ZOB-Angels‘. Dort kann ich direkt helfen. Ich bin eben kein Typ, der gerne Klamotten sortiert oder nur Betten auf und abbaut. Ich brauche den direkten Kontakt zu Menschen. Deshalb habe ich mich entschieden, meine freie Zeit den ZOB-Angels zu widmen.


Mein erster Abend begann ruhig. Wir haben Essen ausgegeben, Kleidung verteilt, ich habe mich viel unterhalten. Mal in Englisch, mal nur mit Händen und Füßen. Was mich sofort berührt hat, ist die Herzlichkeit die mir entgegengebracht wurde. Die Kinder, Frauen und Männer sind so froh und dankbar für alles was sie bei uns erhalten. Sie freuen sich über jegliche Aufmerksamkeit. So klein sie auch sein mag.


Etwas später erfuhr ich von einer Kollegin, dass ein Mann mit seinen drei Kindern weiter nach Frankfurt möchte, ihm aber ein paar Euro fehlen, um das Ticket zu bezahlen. Ich habe mich kurz entschlossen, mein wöchentliches Spendenkontingent auszuschöpfen, um dem Mann zu helfen. Er war zuerst zu stolz, um das anzunehmen, ich habe aber nicht locker gelassen. Er hat eine Frau, die mit dem Sohn in Frankfurt lebt. Sie haben sich ein halbes Jahr nicht gesehen. Das Wiedersehen wollte ich auf jeden Fall ermöglichen. Wir haben Nummern getauscht und in der Zwischenzeit habe ich auch ein Familienfoto geschickt bekommen. Sie sind alle vereint und wohlauf.


Kurz darauf, wir verteilten gerade Wasserflaschen, kam plötzlich eine Familie aus Afghanistan mit einem Jungen vorbei, ca. drei oder vier Jahre alt. Er hat ein paar Mal gespuckt und war dementsprechend schlapp. Nachdem kein Arzt in der Nähe war, haben wir uns kurzentschlossen auf den Weg zum Notdienst am Elisenhof am Hauptbahnhof gemacht. In der S-Bahn ist der Junge plötzlich bewusstlos geworden. Wir alle wussten nicht, was jetzt los ist. Die schlimmsten Szenarien schossen mir durch den Kopf. Als Vater von zwei kleinen Kindern packt mich so etwas ganz besonders. Nach zwei Minuten hat er die Augen wieder aufgemacht. Ich musste mich erstmal hinsetzen.

Am Elisenhof angekommen, haben wir sofort den ärztlichen Notdienst aufgesucht. Ich habe geschildert, was los ist und die Mitarbeiterin hat uns gleich in ein Behandlungszimmer gebracht. Da kam auch nach zwei Minuten ein Arzt. Er hat sich den Jungen genau angesehen und erklärt, er sei total dehydriert. Aber es ist absolut nicht kritisch. Er hat uns daraufhin ein Privatrezept für Elektrolyte ausgestellt und uns verabschiedet. Danke an den Notdienst am Elisenhof. Keiner hat uns gefragt, wie sie das abrechnen sollen, keine misstrauischen Blicke. Sehr viel bedingungslose Hilfsbereitschaft.

Anschließend sind wir wieder zurück zum ZOB und ich bin zur Apotheke. Ich hab der Familie dann noch eine Tüte gepackt mit viel Wasser, Keksen, Äpfeln und Becher zum Anrühren der Elektrolyte. Sie haben es sich im ZOB im Warmen bequem gemacht und auf den Bus gewartet. Der Junge hat die Medizin getrunken und geflucht. Da wusste ich es geht bergauf.


Auf dem Weg zu unseren Containern habe ich noch mal Omar getroffen. Der Mann, der nach Frankfurt fährt. Er hat mich umarmt und sich noch mal ganz oft bedankt. Ich habe ihm gesagt, ich tue das, weil ich mir sicher bin, dass er umgekehrt das gleiche für mich tun würde. Da hatte ich schon Tränen in den Augen. Der Tag ging dann langsam zu Ende und ich bin um halb eins Nachhause gefahren. Schlafen......



Gestern war ich wieder am ZOB. Es war jemand ausgefallen und ich hatte Zeit, nach der Arbeit zu helfen. Gestern kamen so viele Familien zu uns. So viele kleine Kinder. Eine schwangere Frau, die mit zwei Jungs seit mehr als zwei Wochen zu Fuß unterwegs war. Durchgefroren und hungrig. Eine Familie, Mann mit Tochter und die Frau ist seit zwei Monaten schwanger. Die Tochter der beiden hatte nur eine Strumpfhose an. Und da bin ich unglaublich wütend geworden. Diese Menschen kommen den langen Weg aus Syrien hierher. Und nach Wochen und unzähligen Reisestrapazen erreichen sie endlich München und wir sind die ersten die Ihnen warme Kleidung geben?

Ich kenne die näheren Umstände nicht, aber es hat mich traurig gemacht. Wir haben schreiende Kinder in warme Klamotten gesteckt und gefüttert und mit Getränken versorgt. Irgendwann haben sie aufgehört zu schreien und zu weinen.


Nicht genug, plötzlich vernahm ich, dass die Frau, die seit zwei Monaten schwanger ist, Blutungen hat. Es hieß, wir rufen sofort den Notarzt. Der Wagen kam und es gab eine erste Diagnose aus dem Rettungswagen. Für das Ungeborene sähe es nicht gut aus. Ich wurde gebeten, mit dem Mann in der Straßenbahn zum Krankenhaus zu fahren.

Mit diesem Stand der Dinge im Hinterkopf musste ich meine Emotionen im Griff halten. Wir sind losgefahren. Das kleine Mädchen mit der Leggins schlief auf dem Arm des Vaters. An der Straßenbahn hat sich der Mann kurz hingesetzt und die kleine wurde wach. Sie hat gefragt, wo denn die Mama ist. Der Vater hat es ihr erklärt und von da ab hat sie nur noch geschrien und geweint. Sie hatte sichtlich panische Angst um ihre Mutter. In der Straßenbahn ernteten wir schon ein paar komische Blicke. Eine Frau hat gefragt, was los ist und ich habe ihr erklärt, dass die Mutter mit dem Krankenwagen abgeholt wurde. Und wir nicht wissen was nun wird. Die Frau war, so wie ich, den Tränen ganz nah. Wir sind ausgestiegen und zum Krankenhaus gelaufen. Im Krankenhaus hat die kleine ihre Mutter wieder gesehen, aber immer noch nicht aufgehört zu schreien. Sie zog immer an ihrer Mutter rum, sie soll doch aufstehen und mitkommen.....Sowas bricht mir das Herz.

Die Ärztin kam und hat Blut abgenommen. Dann endlich gingen sie in ein Behandlungszimmer und machten eine Ultraschalluntersuchung. Kurz danach kam die Entwarnung. Dem ungeborenen Baby geht es gut und die Mutter ist wieder bei Kräften. Von uns allen fiel ganz viel Last ab.


Wir sind dann wieder zum ZOB zurück und ich hab mir erst einmal an einem Kiosk ein kaltes Bier gekauft. Das habe ich nach der Sache einfach gebraucht. Später dann wurden alle zum Hauptbahnhof gebracht, wo sie einen Schlafplatz bekamen. Ich bin noch kurz hinterher gefahren, um der Frau noch die Medizin zu geben. Sie haben sich in aller Herzlichkeit verabschiedet und ich ging nachhause zum Schlafen.....ich war noch bis vier Uhr wach. Es hat mich nicht losgelassen. Auch heute stehe ich noch mitten drin, in diesen extremen Erlebnissen. Es macht mich einfach traurig zu sehen was hier alles passiert und was das alles für Auswirkungen hat.

Was kann ich mehr tun, als zu helfen....?


04.11.15       

Kai Kitschler       






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Kai Kitschler, berufstätig, 2 Kinder ist einer der vielen freiwilligen Helfer in München, die sich seit Wochen um die neuen Gäste kümmern.

"Ich tue das, weil ich mir sicher bin, dass  umgekehrt diese Menschen das gleiche für mich tun würden."

Die 'ZOB-Angels' sind eine Initiative der privaten Münchner Helfer, die sich Tag und Nacht am Zentralen Omnibusbahnhof um das Wohlergehen der dort ankommenden und weiterreisenden Flüchtlinge kümmern.

Sie sind die Einzigen vor Ort, die den Flüchtlingen Hilfe anbieten, sie mit frischer Kleidung versorgen und allem anderen, was ihnen fehlt.

Sie sorgen für warmes und kalte Speisen, für Getränke, versorgen die Kinder mit Spielzeug, organisieren Übernachtungsmöglichkeiten und auch den Weitertransport.

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