Undankbare Flüchtlinge

oder

unfähige Politiker?  





Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Politik vom eigenen Versagen in der Flüchtlingsproblematik ablenken will und sich einen Schuldigen sucht.

Wie immer wird sie auch fündig und wie immer bei den Schwächsten der Gesellschaft. Bei denen, die keine Lobby haben, kein Mitspracherecht, keine Chance, sich gegen haltlose Vorwürfe zu wehren. Das hat Tradition in diesem Land, in dem nur noch der Erfolg zählt. Wie, vor allem mit welchen Mitteln er erreicht wird, interessiert niemand.

Bisher war das ein Terrain, auf dem sich vor allem die konservativen Parteien, CDU/CSU, FDP besonders sicher fühlten und ihre Wähler auf ihrer Seite wussten. Das Bild hat sich aber schon vor Jahrzehnten gewandelt. Spätestens seit Helmut Schmidt, so richtig aber mit der Regierung Schröder warf auch die SPD ihren sozialen 'Ballast' über Bord und ging damit auf Stimmenfang. Dass sie dabei voll auf Schmidts Schnauze fallen musste und auch weiterhin fallen wird, hat sie bis heute nicht begriffen. Der Wähler, immer für dumm verkauft worden, für unpolitisch, für manipulierbar, erteilte jedes Mal an der Wahlurne die Quittung für diese 180 Grad-Wendung. Im Willy-Brandt-Haus sitzen derweil die Parteibonzen immer noch wie das gelähmte Karnickel vor der Schlange. Unfähig, zu reagieren, hilflos im Agieren.

Und man schaut tatenlos zu, wie alles, was man an potemkinschen Dörfern aufgebaut hat, nun wie ein Kartenhaus zusammenbricht.

Von dem Gedanken eines ver- und vor allem geeinigten Europa hat man sich längst verabschiedet. Übrig geblieben ist ein mickriges Konglomerat von untereinander zerstrittenen Staaten, zwanghaft zusammengehalten von ein paar Verträgen, an die sich keiner halten will und einer Währung, die Cent für Cent verfällt. Ein Europa, das mittlerweile nicht einmal als Wirtschaftsunion funktionsfähig ist. Das Europa der Menschenrechte hat man nun endgültig begraben. Ein Traum, eine Idee und daraus geworden ist nichts als eine Farce.

Und wie immer in solchen Situationen, sucht man sich einen Feind von außen. und wie immer wittern die Populisten ihre Chance und das rechte Lager bekommt Oberwasser. Rechte, national geprägte Politik hatte schon immer den Ruf, stark und durchsetzungsfähig zu sein. Nicht nur erst seit Adolf Hitler. Und es darf da auch nicht wundern, wenn dieser Trend sich mehr und mehr breit macht. Nicht nur hier in Deutschland, wo es wieder gesellschaftsfähig ist, 'Juden ins Gas' zu schicken, Migranten zu verfolgen, zu schlagen, zu töten, ihre Häuser anzustecken und lautstark unter Polizeischutz Hassparolen zu skandieren und nationalsozialistisches Gedankengut offen publik zu machen.

Vergleichbares geschieht überall in Europa, ob Frankreich mit Le Pen, den Niederlanden mit Wilders, ob in Dänemark, Schweden, Polen, Ungarn. Die Knobelbecher und Runen verzierten Standarten marschieren wieder. Ganz offen, unter Applaus der ewigen Mitläufer.

Die Welt müsste eigentlich wissen, auf was sie da wieder zumarschiert. Fast alle haben unter dem ehemaligen Terror leiden müssen. Aber nichts geschieht.

Vor allem wir in Deutschland sollten wissen, dass dieser Weg nur ins Elend führen kann. Kaum ein Staat hat sich so intensiv mit seiner jüngsten Geschichte befasst, wie dieser hier. Geblieben ist davon fast nichts.

Im Gegenteil. Die Profi-Populisten wittern wieder Morgenduft. Und das sind nicht nur ganz offen rechtsradikale Volkstribune, wie Lutz Bachmann, Tatjana Festerling, Frauke Petry, hochdekoriert mit dem Bundesverdienstkreuz, sondern auch die Parteispitzen buhlen längst ganz nonchalant und skrupellos mit den rechtsradikalen Wählerstimmen. Ist man das von der CSU in Bayern längst gewohnt, verwundern doch die Forderungen nach neuen Grenzanlagen, Lagerhaltung hinter Stacheldraht von Scheuer, Seehofer, Söder, Herrmann hier in Bayern kaum einen mehr, nicht einmal wenn eine Sozialministerin, wie Müller ins selbe Horn stößt. Die Bayrische Politik war schon immer berüchtigt ob ihrer rassistischen Grundhaltung und das nicht erst seit Stoibers Forderung nach einer 'durchrassten' Gesellschaft.

Mittlerweile stoßen fast alle ins selbe Horn. Nicht einmal ein thüringischer linker Ministerpräsident zeigt Hemmungen, sich diesem Trend anzuschließen. Es verwundert auch nicht, wenn ein de Maizière von der CSU, eigentlich mit der Aufgabe betraut, die Verfassung zu schützen, sich selbst an dieser vergreifen und sie fleddern will und plötzlich Zustimmung aus allen Parteien erhält. Mag sein, dass manche glauben, es wehe schon wieder Wahlkampfduft durchs Land, sind die Diadochenkämpfe um den Chefposten doch längst entbrannt. Der rechte Flügel der CDU bringt seine Stoßtruppen in Stellung und die SPD, deren Ruf längst ruiniert ist, mischt kräftig mit, um sich den Fuß in der Tür zu sichern und ein paar lukrative Pöstchen in der neuen Regierung zu ergattern.

Das Land, das Volk, der Bürger sind dabei Nebensache. Die haben schon immer gespurt und werden auch weiter spuren, wenn auch mit Zähneknirschen. Die GRÜNEN sind nur noch ein trauriges Abbild ihrer selbst. Die LINKE nur mit sich selbst und ihren ideologischen Schützengräben beschäftigt.

Um stark zu wirken, braucht man einen Gegner und da kommen Flüchtlinge jetzt wie gerufen. Und nun marschieren sie wieder, Seit' an Seit', von rechts außen bis links in trauter Eintracht. 'Die Reihen fest geschlossen'.

Flüchtlinge sind da dankbare Gegner. Sie haben nichts mehr, sie wehren sich kaum, den Wahlausgang können sie nicht beeinflussen und man kann sie herumschieben, auf ihnen herumtrampeln, ihnen das Letzte rauben, was ihnen geblieben ist, Hoffnung und Menschenwürde, und kann sich der Akklamation der dumpfen Masse sicher sein. Kein Risiko, denn wo kein Kläger, da auch kein Richter. Der deutsche Herrenmensch ist wieder da, nur trägt er keine Schaftstiefel aus Menschenleder mehr, keine braun/schwarzen Uniformen, sondern feinen, maßgeschneiderten Zwirn und lässt sich in fetten, gepanzerten Limousinen durch die Lande chauffieren. Doch die Fratzen, die sich hinter den aufgesetzten Masken verstecken, sind die gleichen geblieben.

Es ist doch so einfach, sich über die Undankbarkeit der Schutzsuchenden zu beschweren, wie jüngst der Bundesinnenminister in einem unsäglichen ZDF-Interview hochempört betonte. Man muss sie nur einsperren in überfüllte Lager, wo sie teilweise ohne ausreichende Nahrung, ohne Heizung, ohne warmes Wasser auf nacktem Boden schlafen und dahinvegetieren müssen und der Rest ergibt sich dann ganz von selbst.

Das sind die Brandstifter, die sich selbst nicht die Hände schmutzig machen wollen. Zumindest das haben sie gelernt aus den Nürnberger Prozessen.

Derweil tobt der Mob auf der Straße und träumt vom Sportpalast. Die wahren Initiatoren dieser Show sitzen aber nicht nur in den NPD-Zentralen, sondern längst in den Chefsesseln der sogenannten etablierten 'demokratischen' Parteien.

 

WIR, die einfachen Bürger, die, die im Prinzip nichts zu sagen haben, können dieser Entwicklung noch Einhalt gebieten. Wir müssen sogar. Und die Geschehnisse der letzten Wochen haben gezeigt, wir haben auch die Kraft dazu. Wir waren es, die diese Menschen auch als Menschen empfangen und behandelt haben. In München, in Hamburg, Dortmund, Berlin. Fast überall. Wir haben etwas begonnen, was wir jetzt nicht mehr aus der Hand geben dürfen. Wir haben ein Feuer entzündet und müssen dafür sorgen, dass essich zu einem Flächenbrand entwickelt. Diese Menschen sind voller Hoffnung zu uns gekommen und wir haben sie mit offenen Armen aufgenommen. Jetzt dürfen wir sie auch nicht im Stich lassen und den Schergen der Politik überlassen. Ein harter, beschwerlicher Gang, der vor uns liegt. Doch am Ende lockt ein Ziel, um das es sich zu kämpfen lohnt.

Wir haben eine klare Perspektive - Die Politiker haben keine.

Wir denken in langfristigen Zeiträumen - Die Politiker planen nur für 4-5 Jahre.

Uns geht es um die Menschen - Den Politikern nur um den Profit.

Wir stehen erst am Anfang - Die Politiker sind längst am Ende.

WIR schaffen das. Wenn nicht WIR, wer sonst?


gvg   

03.10.15   


Blick in ferne Zukunft


... Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind –:

dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein.

Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind etwas Sekundäres – der Staat ist etwas Sekundäres. Es kommt nicht darauf an, dass der Staat lebe – es kommt darauf an, dass der Mensch lebe.

Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: »Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Welch ein Genie haben wir unter uns! Auf, auf! Die neue Lehre –!«

Und seine Bücher werden gekauft werden oder vielmehr die seiner Nachschreiber, denn der erste ist ja immer der Dumme.

Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. Und die Leute werden wieder Mut zu sich selber bekommen, ohne Mehrheitsbeschlüsse und ohne Angst vor dem Staat, vor dem sie gekuscht hatten wie geprügelte Hunde. Und das wird dann so gehen, bis eines

Tages ...


Ignaz Wrobel, aka Kurt Tucholsky

Die Weltbühne 1930, Nr.44



comments powered by Disqus