Flora, der Kampf geht weiter!

Aber ohne Gewalt!

"Offener Brief an die Rotfloristen - eine Polemik als Aufforderung zum öffentlichen Diskurs"

      Flora, der Kampf geht weiter!

Raus aus dem Flora-Bunker–rein in die Öffentlichkeit Foto: fbausch.de

Die war schon aufschlussreich, die Pressekonferenz, die Ihr in Euren Räumen am Donnerstag Vormittag abgehalten habt.
Vor allem war sie entlarvend.

Wie lange wollt Ihr Euch eigentlich noch in Euren linken Betonideologien einmauern?
Bis die mittlerweile versiffte Hütte über Euch zusammenbricht?
Die Planierraupen kommen und den Schutt zusammenkarren?

Da werden Sprüche gekloppt, die kenne ich aus meiner Jugendzeit.
Wir sind nicht mehr bei Che Guevara oder im spanischen Bürgerkrieg. Wir sind auch nicht mehr im Jahre 1968. Kapiert das endlich.

Links sein, und Ihr wollt doch links sein, linke, soziale, gemeinschaftliche Interessen vertreten , bedeutet nicht, sich in eine Burg zurückzuziehen, die Zugbrücke hochzuklappen und die Schießscharten zu besetzen und in der Mao-Bibel herumzublättern.
Links sein, bedeutet offen zu sein, kritisch zu sein, auch penetrant zu sein und vor allem auch Flexibilität zu zeigen. Neue Ideen zu entwickeln und weiter zu transportieren, Konzepte zu entwickeln, die diese Gesellschaft, in Eurem Falle ein im Gentrifizierungsprozess befindliches und mit sozialen Problemen behaftetes Hamburg, weiter zu bringen. Links sein, heißt auch, für den Bürger und seine Probleme Verantwortung zu übernehmen. Links bedeutet auch auf den anderen zuzugehen, ihn anzuhören, ihn versuchen zu verstehen.
Links sein, heißt auch, dass man erkennt, wann man einen sinnlosen Kampf führt, den man auf Dauer nur verlieren kann. Und dann ändert man seine Strategie, meine Herrschaften, wenn man nicht mit den Füßen zuerst aus der Tür getragen werden will.

Und was macht Ihr? Ihr mauert Euch ein in Eurem selbst gewählten ideologischen Kerker. Macht quasi die Schotten dicht. Wollt nicht wahrnehmen, dass die Welt da draußen sich längst geändert hat, sich ständig ändert. Ihr sitzt da, wie das Kaninchen vor der Schlange und wartet drauf, endlich gefressen zu werden.

Ich verstehe ja, dass Ihr Gesprächsangeboten gegenüber misstrauisch seid. Mit dem Kretschmer und seinem Adlatus Baer würde ich vielleicht auch nicht reden.
Doch, würde ich, würde nur nicht lange dauern, das Gespräch, vermute ich mal.
Diesem Hamburger Senat gegenüber und seinen „Angeboten und wohlfeilen Versprechungen“ würde ich auch misstrauisch sein. Aber einen Dialog von vorne herein kategorisch abzulehnen, das ist der falsche Weg.

Was wollt Ihr damit bezwecken? Stärke zeigen? Vergesst das. Haben wir alles schon versucht, kleine Scharmützel gewonnen, Schlachten verloren. Was habt Ihr davon, wenn jedes Mal die Schanze brennt, Ihr Euch wieder ein paar Monate verschafft habt, in der die Rote Flora weiterleben kann. Auf Dauer gesehen, könnt Ihr das nicht durchhalten.

Und Ihr setzt die Solidarität aufs Spiel, Eure wichtigste Waffe, mit der Euch die linke Hamburger Szene immer wieder gestärkt hat. Die bröckelt nämlich langsam, auch wenn Ihr es nicht bemerkt oder bemerken wollt. Und vor allem, setzt nicht auf die falschen Freunde.

Wir wollen hier keine linken Stoßtruppen, die aus jedem Winkel der Republik, frustriert von ihrer eigenen Misere, aufgeputscht mit Gewalt, bereit, alles kaputt zu schlagen, was sich Ihnen in den Weg stellt, anreisen und dann wieder nach Hause fahren um sich mit ihren Taten zu brüsten. Denen ist die Flora, denen ist Hamburg, denen sind die Flüchtlinge und alle sozialen Brennpunkte so was von egal. Das sind auch keine Linken, auch wenn sie sich so bezeichnen. Das sind unpolitische Hooligans, die Spaß am Krawall haben, mehr aber auch nicht.

Und trotzdem wollt Ihr die Flora mit Gewalt verteidigen? Mit dieser Art von Gewalt?

Ich weiß, was Gewalt bedeutet. Ich habe sie in den USA , in Paris, im Libanon erlebt, in der Türkei, in Ägypten, in Israel, in der Westbank, in Gaza. Und auch in Berlin, an der Startbahn West in Frankfurt, München, in Brockdorf in Wackersdorf.
Ich hatte, da waren die meisten von Euch „Rotfloristen“ noch nicht einmal ein lüsternes Flackern in den Augen ihrer Erzeuger, im Mai 68 schon nen Molli in der Hand. Da war ich mal 16. Und mich hat die Gewalt begleitet, meine ganze Jugend und mein Erwachsenwerden lang. Und ich war bereit dafür. Ich war wütend. Es war manchmal wie im Rausch. Man fühlte sich stark und war eigentlich doch nur ganz schwach.

Nur hatten wir ein ganz anderes Ziel damals. Wir wollten ein komplettes System verändern, das wollt Ihr im Prinzip auch. Und wir haben einiges geschafft und vieles nicht.
Nur Euer System ist nicht das, das wir vor Augen hatten und in Eurer Ideologie noch existiert. Dieses System hat sich längst weiterentwickelt. Dieses heutige System ändert man mit Fantasie, nicht mit Gewalt.

Wir haben ein Stück des Weges auch nicht mit Gewalt geschafft, sondern mit Hirn. Dann, als wir anfingen in größeren Dimensionen zu denken, das System nicht mit Steinen und Mollis zu bekämpfen, sondern in die Institutionen hineingingen und Prozesse in Gang setzten und in den Dialog gingen. Als wir anfingen, auch der anderen Seite zuzuhören, ihre Motivation zu verstehen, egal, ob wir sie guthießen, oder nicht.

Und jetzt glaubt Ihr immer noch, mit Gewalt könne man etwas regeln?

Damit rettet Ihr die Rote Flora nicht. Ihr macht nur alles kaputt, was sie für viele bedeutet, auch für mich. Ein Ort des Widerstands gegen Unvernunft, gegen politische Eingleisigkeit, gegen soziale Härten, politisches Unvermögen und für allem ein Ort für freie Gedanken.

Macht das nicht kaputt. Reißt die Mauer nieder, hinter der Ihr Euch verbarrikadiert und tretet endlich ein in einen zielführenden Dialog.


Die Gewalt ist Vergangenheit, Genossen! Wir haben andere Möglichkeiten!


Hasta siempre

Georg von Grote

 

* zuerst veröffentlicht auf www.facebook.com/bunteshamburg

gvg  17.01.2014

comments powered by Disqus