Journalismus am Scheideweg

Teil 1: Grundsätzliches

Alle reden von der Krise, nur keiner will es gewesen sein.

Um eines gleich klarzustellen, ich bin ein Print-Addict!
Ich brauche das Rascheln des Papiers, die taktile Verbindung zum Text, den ich gleich lesen werde, den Kampf, zu versuchen, eine Süddeutsche im Wind halbwegs knitterfrei umzublättern. Damit bin ich aufgewachsen und ich möchte das auch weiterhin nicht missen.
Und, auch wenn die gedruckte Zeitung, auch von den eigenen Machern, für sterbenskrank, halb- bis ganz tot erklärt und immer wieder aufs Neue zu Grabe getragen wird, dieses Medium ist zäh, eigentlich unkaputtbar, wie das Buch, das man, bis auf die dicken Schwarten, überall mitnehmen kann, nirgendwo aufladen muss, kein wlan-Netz braucht und auch in der Sonne lesen kann, ohne sich die Augen zu verderben.



Keine Frage, das Printmedium ist derzeit angeschlagen, mächtig verschnupft, es zwickt und zwackt an allen Extremitäten und der böse Virus ist auch schon ausgemacht. Die anderen sind es, die dieses Zipperlein zu verantworten haben.
Die anderen Massenmedien, die multimedialen Seelenverkäufer, allen voran das Fernsehen und die Online-Konkurrenz.
Nicht zuletzt auch der Leser, der Konsument, der Abtrünnige, dieser unzuverlässige Zeitgenosse, der sein Abo nicht mehr verlängert und sich da informiert, wo er es kostenlos geboten bekommt, auf der online-Ausgabe seines Hausblattes.
Dass man sich in den Redaktionen, in den Verlagsetagen das Grab selbst geschaufelt hat, vor dem man meint zu stehen, darauf scheint keiner zu kommen oder will es nicht zugeben.

Zu meiner Schulzeit waren Spiegel, Süddeutsche, Frankfurter Allgemeine, Zeit und ein paar andere fester Bestandteil unseres Deutschunterrichts. Gegen Ende jeder Woche wurde aus diesen Medien jeweils ein zentraler Artikel herausgepickt, auf Informationsgehalt, auf Sprache, auf Kompetenz analysiert und miteinander verglichen.
Am interessantesten wurde es, wenn sich diese Artikel mit demselben Thema beschäftigten. Vielleicht war das eine Ausnahmesituation, bedingt durch einen engagierten Lehrer und die in den 60ern und 70ern bedingte politische Gesamtsituation, aber heute nur noch schwer umsetzbar.
Nicht weil es am Interesse mangeln würde, sondern weil sich die Inhalte, die Sprache und die Qualität dieser genannten Medien so dramatisch zum schlechteren verändert haben, dass man heute den Spiegel auch mit der Super-Illu vergleichen könnte, ohne dabei gravierende Unterschiede zu finden.

Für den Spiegel und die Zeit brauchte man damals auch fast eine Woche, heute kauf ich mir am Flughafen in München den Spiegel oder lasse ihn mir von einer netten Stewardess an Bord in die Hand drücken und wenn ich in Hamburg gelandet bin, gebe ich ihn ihr entweder zurück oder er landet im nächstbesten Papierkorb, denn dann hab ich ihn auch schon durch.

Natürlich hat sich vieles verändert, der Informationsfluss ist, nicht zuletzt durch die mediale Vernetzung der Welt dramatisch angeschwollen und es wird immer schwieriger, zu filtern. Die Ansprüche des Lesers, der Zuschauers haben sich dadurch auch verändert, nur die Medien scheinen damit nicht umgehen zu können, obwohl genau das ihr Kerngebiet wäre.
Im Kampf um Quoten, Auflagen und Abonnenten hat man eines völlig übersehen, ohne Alleinstellungsmerkmal funktioniert das alles nicht. Bekommt der Leser überall einen identischen Einheitsbrei serviert, dann greift er selbstverständlich zum kostengünstigsten Produkt.

Vergleiche ich heute die oben genannten Medien an einem Tag miteinander, nehme vielleicht auch noch die Münchner Abendzeitung dazu, den Tagesspiegel, die Berliner Zeitung und das Hamburger Abendblatt, denn lese ich überall das gleiche. Schaut man genauer hin, dann sieht man unter vielen der Artikel das kleine Kürzel dpa oder reuters oder einem sonstigen Massensyndicators. Ein wenig umgeschrieben und dem eigenen Stil angeglichen, aber das war es dann auch schon. Fundiert recherchierte Artikel werden mehr und mehr zur Mangelware.

Muss ich bei einer 15minütigen Tagesschau, um 20:00 Uhr, 3-5 Minuten der knappen Zeit einer hoch bezahlten Truppe von Balltretern widmen und zeigen, in welchem ökologisch grenzwertigen Luxusressort die gerade Urlaub machen, Bötchen fahren und wie belämmerte Landratten hilflos auf einer Luxusyacht hocken?

Will ich das in einer top Nachrichtensendung sehen, die für sich den Anspruch erhebt, mich über das Wesentliche zu informieren? Und während Yogi-Bär & Co an der Copacabana brasilianischen Stringtangas hinterhersabbern, unterschlägt man dann mal soeben in einer Nachrichtensendung, dass mehr als 300.000 Kanaren auf die Straße gegangen sind, weil sie ihre Inseln und ihre Zukunft retten wollen. Dafür hat man dann keine Sendezeit mehr, weil man glaubt, Ottonormalverbraucher vor der Glotze will lieber „seine Jungs“ sehen, wie sie hilflos über Bord gehen. Das ist kein Journalismus, das ist Quotenheischerei.

Und man ist stolz auf das neue Studio. Macht sich ja auch gut, rein optisch. Endlich bekommt man(n) Judith Rakers Schuhschrank zu sehen, da dürfte die Quote noch mal um ein paar schlappe 1000 Schuhfetischisten steigen. Und man kann den guten Thomas Roth nun auch virtuell auf den Marktplatz von Donezk stellen. Da steht er dann, inmitten des Geschehens, sieht gut frisiert aus, aber hat nichts zu melden.

Und da genau liegt das Problem. Nachrichtensendungen heißen ja nicht mehr Nachrichtensendungen, sondern News-Shows. Betonung liegt auf Show. Man will nicht mehr berichten, man will unterhalten. Krieg muss Spaß machen, sonst ist er nicht mehr sendefähig.

Kurz und gut, nicht die Medien stecken in einer Sinnkrise, der Journalismus an sich ist es, der erkrankt ist.
Das Verständnis von fundiertem, qualitätsorientierten, unabhängigen Journalismus ist auf der Strecke geblieben.
Heute arbeiten in den Redaktionen, ob print, online oder elektronisch fast nur noch Nachrichtenverwalter, Aufbereiter und Kosmetiker. Massenproduktion à la Legehennenprinzip. Ab und zu rafft sich mal einer auf, meist einer aus der Chefetage und quält sich einen kurzen Kommentar ab, um vorzugaukeln, man habe ja auch noch eine eigene Meinung.

Das allerdings ist definitiv zu wenig. Gerade in dieser Zeit, in der der Leser, der Zuschauer von allen Seiten mit Informationen zugeschüttet wird, leicht den Überblick verlieren kann. Aber genau dafür sind Journalisten da, dazu wurden sie einmal ausgebildet, um diese Informationen zu ordnen, einzuordnen, verständlich zu machen. Dem Leser zu helfen, sich eine eigene Meinung bilden zu können und nicht, ihm eine Meinung, vielleicht auch noch die herrschende Meinung, aufzudrücken.

gvg    11. Juni 2014

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