Krautreporter:   Das Spiel ist aus!

Jetzt zählen nur noch Fakten, Transparenz und das Ergebnis

Offenbar bin ich ja nicht der Einzige, der sich kritisch mit der neu inthronisierten Reparaturwerkstatt des Pannenjournalismus auseinandersetzt.

So hat zum Beispiel Patrick Gensing ähnliche Bauchschmerzen.
http://www.tagesschau.de/kommentar/krautreporter-112.html  

Auch ich hatte mich durch die Investorenliste gequält, um zu sehen, ob mehr Großpakete gebucht wurden als nur die 50.000 € der Rudolf Augstein Stiftung. Und auch die hat einen gewissen Beigeschmack. Jakob Augstein schwadroniert schon länger darüber, seinen Freitag, nebst mittlerweile desolater Community hinter einer Paywall zu verstecken. Was, ohne diese marode „irgendwie linke“ Karre aus dem Dreck zu ziehen und von Grund auf neu zu restaurieren und wieder fahrbar zu machen, allein nicht funktionieren wird.

  Jetzt kann er theoretisch warten, ohne die eigene Schatulle zu öffnen, ob und wie das Krautreporter-Projekt einschlägt und kann gegebenenfalls abkupfern. Insoweit eine Investition, die sich auch für ihn auszahlen könnte.

Andere werden ähnliche Gedanken hegen.

Und ich wage auch zu bezweifeln, ob ein online-Magazin, das seine, möglicherweise sogar qualitativ hochwertigen Beiträge frei ins Netz stellt, sich auf Dauer dadurch finanzieren lässt, dass seine finanziellen Supporter sich dann kommentarmäßig auf den Seiten austoben können. Das allein wird nicht reichen.

 

Eigentlich alles Überlegungen, die man vorab hätte anstellen und klären müssen, aber offenbar - und das stellt man immer wieder bei solchen start-ups fest - ist man derart beseelt von der zunächst tollen Idee, dass man sich nicht traut, jemanden hinzuzuziehen, der als "advocatus diaboli" agieren kann und sich auf die Suche der möglichen Knackpunkte macht, die letztlich dann das gesamte Getriebe lahm legen können, wenn man sie nicht dem System anpasst. Für den, der diese Aufgabe übernimmt, kein angenehmer Job, muss er sich doch immer wieder den Vorwurf gefallen lassen, nur herum zu mäkeln und nur am Scheitern interessiert zu sein.

Ich finde, dafür Ist dieses Projekt zu schade um es an solchen, von vorne herein vermeidbaren Fehlern mit stotterndem Motor am Straßenrand abzustellen um dann auf den Abschleppdienst zu warten.

 

Wenn der erste Hype über den Erfolg verflogen ist und die Ernüchterung sich breit macht, wird man sehen, dass man bisher nur eine Designstudie entwickelt hat, allerdings nur auf dem Papier. Ein funktionierendes concept car ist das noch nicht. Ein zuverlässiger, fahrbarer Untersatz schon gar nicht.

 

Dazu hat man die Erwartungen hoch geschraubt, extrem hoch und die gesamte Branche, die bekanntlich nicht frei von Häme ist und nur darauf wartet, dass das neue Baby den plötzlichen Kindstod erleidet, wird mit Argusaugen beobachten, was sich da entwickelt. Denn, sollten sie Erfolg haben, dann sind die gut gehorteten und mühsam verteidigten Pfründe der etablierten Medien in Gefahr und so mancher güldene Verlagspaslast dürfte noch mehr ins Wanken geraten, als er bisher schon schwankt.

 

Ich hoffe, die Krautreporter sind sich der Verantwortung bewusst. Verantwortung, die sie den Spendern, vor allen denen gegen über, für die selbst ein gering erscheinender Betrag von 60 € schon eine Investition darstellt, die viele von ihnen nicht einfach mal so eben auf den Tisch blättern können, übernommen haben. Eine knappe Million ist kein Spielgeld mehr, das man mal soeben verzocken kann. 

Scheitern sie, dann ist das ein Rückschlag für den ambitionierten, qualitativ anspruchsvollen Journalismus, von dem er sich nur schwer wieder erholen wird.

Es ist eben kein Spiel mehr. Jetzt regiert nur noch die knallharte, unerbittliche Realität.

gvg     11.Juni 2014

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