Ein Bett im Krautfeld

„Der Onlinejournalismus ist kaputt – Wir kriegen das wieder hin“

Die Krautreporter

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                                                                                                                Foto: Demeterhof Stümpfl          http://stuempflhof.de/webseite/         


Klingt auf den ersten Blick toll, angriffslustig.

Und ist trotzdem daneben.

Man kann schlecht etwas kaputtmachen, was nicht wirklich existiert. Reparieren schon gar nicht.

Den Onlinejournalismus als eigenständige Sparte gibt es doch noch gar nicht, bzw. steckt er noch voll in den Windeln. Da kann man nichts reparieren, da muss man Konzepte entwickeln um das Baby hoch zu päppeln, damit es endlich erwachsen werden kann.

Und wieso dieser Klassenunterschied? Onlinejournalismus vs. Print? Brauchen wir diese Schubladen?

Offenbar schon, wenn man sieht, wie sich die Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung weigert, einen, als online abgestempelten Kollegen in ihrer Mitte aufzunehmen. Ähnliches passierte vor gar nicht langer Zeit in der, ach so aufgeschlossenen taz.

Das Grundprinzip des Journalisten, das Henri Nannen einmal so formulierte: „Ich finde, wenn man Journalist ist, dann will man doch die Welt ein bisschen durchsichtiger, verständlicher, ein bisschen weniger gemein, ein bisschen ehrlicher und offener machen.“, hat sich doch nicht verändert?

Gut, es halten sich nicht alle daran. Viele geraten sehr schnell in Abhängigkeiten, stellen ihre Ideale, die sie vielleicht einmal hatten, hintenan, weil sie ganz einfach überleben, ihre Miete zahlen, ihre Familien ernähren müssen. Da kann man sehr schnell vom einstigen Rebellen zum angepassten Opportunisten werden – und man kann denjenigen nicht einmal wirklich einen Vorwurf machen. Die Übeltäter sitzen in den obersten Stockwerken der Verlagshäuser und an den protzigen Schreibtischen der Chefredaktion.

Und da sitzen auch gleichzeitig die Versager. Die, die redaktionelle Ausrichtung bestimmen, die Themen auswählen, die, denen es nicht um ihre Verpflichtung zur Information geht, sondern nur um Macht. Um Auflage, um Abos, um Klickzahlen und um die zu erhöhen, ist jedes Mittel recht. Wenn Kai Diekmann und Döpfner über jemand den Daumen senken, dann ist der, ist diejenige erledigt. Und da geht es nicht mehr um das, was Nannen postulierte, sondern ausschließlich um Machtdemonstration. Wir, die Medien, wir sind die moralische Instanz, die wahren Richter in diesem Land. Und alle anderen, von SZ über Zeit bis taz stoßen ins gleiche Horn.

Allerdings gibt es da ein Problem. Der Leser spielt nicht mehr so mit, wie man es bisher gewohnt war. Er hat schlichtweg die Nase voll, vom Kampagnenjournalismus, vom medialen Einheitsbrei. Zumal er spätestens durch das Internet die Möglichkeiten hat, sich anderweitig zu informieren.

Insoweit ist es dringend an der Zeit, dass der Journalismus auch im Internet ankommt. Der qualitativ hochwertige Journalismus, denn der seichte kleine Bruder hat sich da längst breit gemacht. Den findet man auf den online-Portalen der gängigen Print-Elefanten.

Bei Spiegel-online fragt man sich manchmal, ob das ehemalige „Sturmgeschütz der Demokratie“ mittlerweile auf dem besten Wege ist, die Wasserspritzpistole der „Geissens“ zu werden. Bei Focus erübrigt sich schon jeglicher Kommentar. Die bleiben ihrem Image als BILD für leitende Angestellte treu, die Huffington Post spielt Bild der Frau für den vermeintlichen Bildungsbürger. Die online-Seite der SZ erinnert einen manchmal an eine Mischung aus Petra, Constanze, Brigitte und ein wenig Essen & Trinken, fehlen nur noch die Schnittmusterbögen im Download-Bereich und die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Auf einen Nenner gebracht, die online-Präsenz der deutschen Medien, die sich auch gerne mal Leitmedien nennen, ist eine reine Katastrophe. Bunt, schrill, reißerisch, aber inhaltsleer.

Insoweit ist der Vorstoß der Krautreporter prinzipiell wünschenswert. Natürlich immer unter der Prämisse, dass sie auch Wort halten, mit dem Versprechen, qualitativ hochwertige Beiträge zu gerieren.

Und trotzdem gefällt mir nicht, was sie vorhaben.

Im Prinzip weiß man auch gar nicht, was sie vorhaben. Ein nachvollziehbares Konzept sind sie bisher, bis auf das Finanzierungsmodell, schuldig geblieben.

Wo ist das Innovative? Wo ist das Neue? Wo ist das Alleinstellungsmerkmal, dass sie abhebt, von allen anderen?

Ich verlange nicht, Visionen präsentiert zu bekommen. Aber ich will überrascht werden. Und bisher sehe ich nur, dass da eine Handvoll etablierter, vielleicht auch frustrierter Journalisten, versucht, die Stiefel auf neu zu wienern und wieder in die Auslage zu stellen.

Und auch jetzt am letzten Dienstag, bei ihrer Endspurtveranstaltung in Berlin blieben sie die Antwort nach einem innovativen Konzept schuldig.

Man muss ihnen zugestehen, sie haben mit ihrem Minimalaufwand an Information schon einen enormen Erfolg erzielt. Knapp 11.000 Interessenten bis jetzt, 1 Tag vor Aktionsende zusammengesammelt zu haben, ist eine respektable Leistung. Das zeigt, das Interesse ist vorhanden.

Interessieren würden mich dabei aber auch etwaige Großpakete, die ja auch gebucht werden können. Einen Leser, der 60 € investiert und auf Qualität hofft, den kann man sich vorstellen. Was erwartet sich jemand, der 50.000 € in das Projekt steckt?  So hat zum Beispiel die Rudolf Augstein Stiftung 50.000 € in dieses Projekt gesteckt, entspricht 1.000 einzelnen Stimmanteilen. Will man damit nur ein neues journalistisches Projekt unterstützen und Starthilfe leisten, oder beabsichtigt damit etwa ein Großinvestor,  damit einen Fuß in der Tür zu behalten? Inwieweit haben sich die Krautreporter davor abgesichert, wenn schon nicht über Werbung,  dann aber durch die Großinvestoren in Abhängigkeit zu geraten? Quasi durch die Hintertür. Jetzt geht dieses Investment konform mit dem Stiftungszweck, den Journalismus zu fördern, aber was ist mit möglichen anderen kapitalintensiven "Förderern", die möglicherweise ganz andere Interessen haben?  All das sind Fragen, auf die es bis jetzt keine Antworten gibt.

Allerdings hat das Ganze auch sein Geschmäckle. Der Investor, die Crowd weiß nicht, in was er investiert, außer, dass davon das „Gehalt“ der Reporter bestritten werden soll.

Ich möchte nichts unterstellen, aber wenn man davon ausgeht, dass die Masse der Initiatoren einen festen Job in den sogenannten etablierten Medien hat, dann könnte der Gedanke aufflackern, dass da einige versuchen, sich nebenbei noch ein lukratives Zubrot, eventuell auch ein 2. Standbein aufzubauen um endlich mal einen Text schreiben zu dürfen, hinter dem sie stehen. Fremdfinanziert natürlich. Was ist mit den vielen freien Journalisten, die, die keine feste Anstellung haben, die, die nur dann entlohnt werden, wenn man ihre Artikel auch abnimmt? Dazu auch meist noch unter Wert bezahlt werden. Die gucken wieder einmal in die Röhre.

Und was ist mit der Crowd, die das alles finanzieren soll? Welche Rechte hat die? Welchen Einfluss kann sie nehmen? Oder darf der Einzelne dann nur brav kommentieren für 5 € im Monat?

Dann wäre das Ganze ja nichts anderes als eine getarnte Paywall. Letztlich nur eine gut verkaufte Mogelpackung.

Ich gönne den Krautreportern nicht, wie viele andere, dass sie scheitern. Ich bin allerdings extrem skeptisch, basierend auf den wenigen Informationen, die ich habe und die sie freiwillig zur Verfügung stellen. Aber sie sollen ihre Chance bekommen. Unterstützen werde ich sie allerdings nicht.

Interessant ist ja Jakob Augsteins Auftritt auf dieser Veranstaltung. Vor allem seine Interpretation dieses Vorhabens, wenn das stimmt, was die taz so wiedergibt:

Augstein war trotzdem voll des Lobes für Krautreporter. Gleichzeitig sprach er – ausgelöst davon, dass Krautreporter sich monatlich jedem 2.500 Euro auszahlen wollen – von der „Prekarisierung“ des Journalismus, von der die Chance ausgehe, dass Reporter wieder mehr Opposition und Mut zur Radikalität wagen. „Das ist genau das, was wir vorhaben“, schloss Hünniger das Gespräch und damit den Abend.

http://www.taz.de/Projekt-Krautreporter/!140147/

 

Prekarisierung? Hat er da vielleicht übersehen, dass diese 2.500 € ein weiteres Zubrot für die meisten darstellt, die ja alle mehr oder weniger ein festes Gehalt beziehen, oder entsprechende Honorarvereinbarungen haben?

Interessant auch die Ansicht, Prekarisierung führe wieder zu mehr Opposition, Mut und Radikalität unter den Journalisten. Dieses Märchen wollten vor Jahren auch Schröder, Fischer und der ehrenwerte Herr Hartz auftischen. Verordnete Zwangsarmut als Motivation?

Und das aus dem Munde eines saturierten Hobbyjournalisten, Hobbychefredakteurs und Hobbyherausgebers, der gerade mit seiner Freitagscommunity ein zukunftsweisendes, hoffnungsträchtiges, vor allem auch visionäres Projekt so derart jämmerlich an die Wand gefahren hat, dass man nur noch kopfschüttelnd daneben stehen und den rauchenden Trümmern zusehen kann?

Augstein und seine Mitarbeiter haben bei diesem Projekt so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann.

Das fing schon damit an, dass man kein griffiges Konzept hatte. Man hatte wohl Ideen, aber keine Ahnung, wie man die praktisch umsetzt. Dazu hat man die Kommunikation zwischen Redaktion, den federführenden professionellen Journalisten und den privaten Bloggern, die Community, torpediert, quasi eingefroren. Allerdings, ohne Kommunikation, auch kein Meinungs- und Informationsaustausch und damit auch keine kreativen Entwicklungsmöglichkeiten. Transparenz? Von wegen. Die fordert man lautstark von anderen, selbst aber ist man nicht bereit dazu.

Zudem eine eklatante, teilweise auch hilflos anmutende Strukturlosigkeit. Optisch, für Außenstehende, sah es ja nach Struktur aus, hinter den Kulissen allerdings reagiert das Chaos und die Anarchie und die Hilflosigkeit.

Entweder hat man die Klientel, die sich in einem derart freien Internetforum tummelt, völlig falsch eingeschätzt, oder aber, man war von vorne herein an der vollmundig angekündigten journalistischen Zusammenarbeit gar nicht interessiert und wollte diese Community nur als kurzfristigen Werbeeffekt missbrauchen. Letzteres klingt plausibel, denn Jakob Augstein, der vor zwei Jahren noch überall mit „seiner innovativen“ Community hausieren ging, erwähnt sie mittlerweile mit keinem Wort mehr. Was vielleicht einmal ein Abenteuerspielplatz werden sollte ist mittlerweile zu einem pseudo-antiautoritären Kindergarten verkommen, in dem die Unbetreuten nichts anderes mehr zu tun haben, als ständig die Wände und vor allem ihren Gegenüber, ihren vermeintlichen Widersacher zu beschmieren.

Ein Werbeeffekt hätte sie werden können, nur dann hätte man das auch mehr pflegen und ordnen müssen. Das geistige und das schreibende Potential war ja anfangs und ist zum geringen Teil auch noch immer noch vorhanden. Die meisten allerdings sind abgewandert. Mittlerweile ist es nur noch ein Sammelbecken für frustrierte Wutbürger, selbstreferentielle Vorgartenrumpelstilzchen und ideologisch einbetonierte, antiquierte Polemiker und AgitPropler jeglicher Couleur, von tiefrot, bis kackbraun geworden. Das Internet, wie es leibt, lebt und trollt.

Ist das das Prekariat, das Jakob Augstein meint und das er zurzeit in seinem Hause noch irgendwie hegt und pflegt, oder wild wuchern lässt, weil er meint, irgendwann einmal eine reife Frucht zu ernten?

 

Man mag es kaum glauben. Zumindest hat er vorgemacht, wie man es nicht machen sollte.

Dabei könnte man es mit ein paar kleinen Handgriffen ändern und Ruhe hineinbringen. Aber wer nicht will, der hat eben schon.

Man kann aber auch aus diesem Debakel lernen.

Und das haben wir vor.

gvg   10.Juni 2014

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