Munich got the blues

Münchner Gschichten: Nick Woodland

Es war irgendwann Mitte der 70er, als wir uns das erste Mal über den Weg liefen. Aber er war nicht zu übersehen. Schräger Vogel, dachte ich mir, wie er da mit dem Gitarrenkoffer ins Lokal schlurfte.  Markante Visage, Zylinder auf dem Kopf und die hagere Gestalt bedeckte tatsächlich ein antiquierter Gehrock. "I'm late, know that. Can I have a beer, I'm Nick."

Der Laden brummte, die anderen warteten schon auf der Bühne. Er schnappte sich das Bier und schlurfte gemächlich zu ihnen.  Der Vogel gefiel mir irgendwie. So völlig ohne Hektik, als hätte er alle Zeit der Welt.

Begrüßte seine Kollegen auf der Bühne, packte die Strato aus, pluggte sie in den Marshall hinter ihm, drehte ein wenig an den Saiten herum. horchte hinein in sein Instrument, holte tief Luft, nickte den anderen und dem Publikum zu und dann kam der Blues nach München. Waberte von der Bühne durch den Raum bis ins letzte Eck und es war plötzlich totenstill. Bis auf diesen flehenden Singsang der Gitarre, die wimmerte, die jaulte, die bettelte, die juchzte, schimpfte und mit dem Publikum im Raume den Dialog aufnahm.

Man brauchte plötzlich die Alexis Korners, die Claptons, die Becks, die Greenes im Plattenschrank zuhause nicht mehr, selbst J.J. Cale's Tulsa kam auf Besuch vorbei. Sie standen plötzlich alle leibhaftig auf der Bühne. Im schwarzen Gehrock mit Zylinder.

Und über die Jahre trafen wir uns ständig. Er auf der Bühne, ich meist hinterm Tresen der diversen Jazzclubs, die damals in München wie Pilze aus dem Boden schossen und die Basis für eine veritable Musikszene boten.

Der Gehrock und Zylinder sind sein Markenzeichen. Den trug er nachts auf der Bühne, wie am Nachmittag im Café auf der Leopold oder am Chinaturm und je länger er in München blieb, desto mehr perfektionierte er sein unverwechselbares "cockney-münchnerisch".

Nick Woodland, 1951 in London geboren, schlug sich vorwiegend als Studiomusiker durchs Leben. War heiß begehrt von den großen Bands, die damals ihre Platten in den Münchner Studios einspielten. Er wurde Mitglied bei Amon Düül II, Sahara, The Clash, ging und geht noch mit den "Stars" auf Tournee.  Und immer wieder zieht es ihn auf die kleinen Münchner Bühnen zurück. Da fühlt er sich wohl. Da ist er dahoam.

Spielen kann er alles, keine Musikrichtung ist ihm fremd, doch seine Seele hat er dem Blues verschrieben.

1982 gründete er seine eigene Band und mit der tingelt er heute noch über die bayrischen Dörfer und Städtchen und bringt den Blues bis weit ins musikalische Niemandsland.

Die großen Stadien kennt er zu Genüge, die Konzerthallen, aber da, auf einer kleinen Bühne, das Publikum hautnah vor sich, das ist seine Welt. Das gibt ihm den nötigen Speed.

Sollte sich Nick einmal in Eure Stadt verirren, dann geht hin. Genuß garantiert.


gvg    

"I Got A Mind To Give Up Living"

"Handle On The Blues"

"New Pony"

"Blue To Me"

"Cold At The Ground"

"Something I Heard"

"Je Vais Devenir Fou"

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