Mein Plädoyer für die Realität


oder: Was politischen Aktivismus im Internet prägt in 2 Akten.


Noreen Chen 10.10.2014



 

1. Akt – Achtung: Abrechnung.

 

Vorweg eine persönliche Anekdote aus dem letzten Jahr.

Ein Kommilitone fragte mich, was ich genau bei Facebook denn immer so mache. Er sehe da Posts zu “Echte Demokratie Jetzt”, irgendwas mit Nazis und Flüchtlingen. Er könne das gar nicht zuordnen und mich auch gar nicht einschätzen, weil ich mich mit so merkwürdigen Leuten unterhalte.

Meine erste Reaktion darauf war Abwehr und Unverständnis: Hey! Wenn jemand was Dummes sagt, dann MUSS ich das richtig stellen! Ich muss meine Meinung vertreten, ich muss, ... ich muss, ... ich muss…, meine Rechtfertigungen fanden kein Ende. Die Wahrnehmung von außerhalb war also diese, dass ich mit Nazis diskutierte, weshalb ihre Einstellung menschenfeindlich ist. Mit Chauvinisten diskutierte ich, wieso Frauenrechte besonders hervorgehoben werden sollte, mit Linken diskutierte ich über die weite, mit Libertären über die enge Auslegung der Privatautonomie. Zu einem anderen Ziel als brennende Augen und wunde Finger kam ich nicht. Meine “Gegner” waren nicht greifbar, nicht resilient und vor allem nicht echt.

 

Dieses (vermutliche) Phänomen in sozialen Netzwerken ist, dass man eine Meinung möglichst standfest verteidigt. Einer Änderung seines Standpunktes folgt virtueller Gesichtsverlust.

 

Wenn du also dein Gesicht nicht verlieren willst, aber auch nicht mit gezücktem Dolch deine Meinung gegenüber jedem Hansel auf Leben und Tod verteidigen willst. Dann bleibst du irgendwo vermittelnd zwischen den Stühlen stehen.

Du verstehst die eine und die andere Seite. Du plädierst für Verständnis auf beiden Seiten, fügst dich nahtlos ein in eine Grauzone aus politischer Unglaubwürdigkeit und Unwirksamkeit.

In dieser Grauzone kannst du dich maximal wenige Wochen bewegen. Denn deine “Differenzierung” zwischen Positionen, Personen und Propaganda stößt auf Missfallen, sobald du die Position einer Seite doch zu sehr in Frage stellst.

Gewollt ist: bedingungslose Unterstützung, ein Spagat zwischen “nichts glauben” und “alles glauben”, keine zu harschen Worte, keine allzu deutliche Kritik. Und ganz oben: NIEMALS (!) den “Feind” in eine Position bringen, als wäre er mehr wert als die Küchenschabe in einem billigen Fast-Food-Restaurant.

 

Diese virtuelle Schizophrenie im Kampf um Positionen und Personen fordert seinen Tribut. Aus Freunden und Unterstützern werden erbitterte Gegner, die sich mit Blogs, Facebook Seiten und (manchmal auch) (Straf)Anzeigen gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

 

Das ist meine Beobachtung meines Lustwandelns in der Grauzone (“hate-zone”), seit nun gut 3 Jahren. Ich habe mich stets rausgezogen, sobald es mir zu abstrus wurde. Ich wurde schon als “Fan-Girl” bezeichnet, weil ich es gewagt hatte der Enthumanisierung eines politischen Gegners entgegenzutreten, man wollte aus mir schon eine Nazi, eine Linksradikale, eine Antideutsche machen, und das ohne jegliche Grundlage.

 

Als typische “Empörte” und immer noch auf dem Weg zur “Informierten” und “Vernetzten”, war ich wechselseitig in virtuellen und realen Aktivistenkreisen unterwegs. Immer auf der Suche nach Menschen, die genauso dachten wie ich. So habe ich meine Aktivitäten zumindest wahrgenommen. Wie mein Beispiel mit dem Kommilitonen verdeutlicht hat, habe ich offensichtlich ganz anders gewirkt. Mehr wie die Rote Zora, als die Rote Flora.

 

Ich habe gelernt, dass virtueller Vertrauensverlust einher geht mit Demontage des Selbstverständnisses einer Bewegung. Gemeinsamkeiten in der Asynchronität des virtuellen “Like”-Sumpfes verloren gehen und sie mühsam aufrechterhalten werden müssen.

Ich weiß jetzt: am besten funktioniert doch die reale Dynamik.

Dennoch unverzichtbar ist das Internet als “Waffe des Proletariats”. Leider artet diese Waffe meistens in Größenwahn von einigen wenigen aus, die glauben, durch eine Tastatur und dem Meme Generator seien sie endlich mündige und freie Bürger. Andere benutzen diese Waffe eher wie eine Plastikgabel zum Suppe essen.

Quantität vor Qualität, Shitstorm vor Diskurs, Bild vor Inhalt, Oberflächenstruktur vor Tiefenstruktur, Polemik vor Balance. —> Herzlich Willkommen im politischen Aktivismus des Internets!

 

2. Akt – Achtung: Grauzone.

 

Natürlich ist nichts nur schwarz oder weiß. Die Informationsdichte und das Kommunikationspotential im Internet sind unvergleichlich. Eine freie Entfaltung von Persönlichkeiten (wie z. B. dieser Blog) ist jederzeit möglich.

Aber das reicht leider nicht.

Medienkompetenz als Soft-Skill, stiefmütterlich behandelt vom (Weiter)Bildungssystem und sträflich vernachlässigt von den meisten Internetbenutzern, gewinnt an Bedeutung, ob der Komplexität und Dichte von Informationsströmungen und Kanälen.

 

Medienkompetenz ist nichts anderes als die Entscheidung zwischen den Kringel-Nudeln und den Buchstaben-Nudeln. Es gibt Pro + Contra für diese Quelle, ich muss mich nur entscheiden. Und wie ich mich entscheide ist geprägt von persönlichen Vorlieben (welche Rhetorik spricht mich an), Erfahrungen (welches Verhältnis habe ich zur Personengruppe XY) und auch rationalen Erwägungen (was denkt XY von mir) (vgl. Marketingstrategien).

Und bei den Kringel / Buchstabennudeln gibt es auch kein richtig oder falsch. Es gibt keine Rechtfertigungen. Es ist eine rein subjektive Wahrheit, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat. Ob du jetzt die “Stimme Russlands” oder “die NachDenkSeiten” zitierst, du tust das aus bestimmten Gründen heraus. Hinterfragen sollte man hierbei wieso genau mich das angesprochen hat und welche Hebel da in Bewegung waren.

 

Erinnert sich noch jemand an das Barilla-Gate? Der CEO war ein homophobes ‚Arschloch‘. Ein Griff zu Barilla im Supermarkt war undenkbar geworden von einem auf den anderen Tag. Nudeln aus Ausdruck meiner Verachtung für diese Typen, die ihre Dämlichkeit in alle Welt tragen.

 

Worauf ich hinaus möchte: die Grauzone hat mir gezeigt, wie wichtig es ist sich abzugrenzen von den Stühlen, zwischen denen man sitzen könnte, wenn man im vermeintlichen Gleichklang bleiben möchte.

Ein Nazi wird seine Naziparolen klopfen, ob ihm jemand bei Facebook sagt, dass er ein Nazi ist oder nicht. Diese Argumentationslinien und Strategien im virtuellen Raum bringen rein gar nichts. Der outcome in der Realität ist gleich Null.

 

Ich möchte keine Harmonie mehr, keine 5.000 Freunde, von denen ich denke, dass wir doch alle “dasselbe” wollen. Ich möchte keinen Einklang und keinen Gleichklang mit vielen salbungsvollen Worten.

Ich strebe nach Diskurs auf allen Ebenen. Denn argumentativer Diskurs bedeutet Weiterdenken, Fortdenken, Wegdenken, Hinzudenken – in der Realität!

 

Die Stühle sind darunter. Die streiten sich noch darüber, ob jetzt die Aussage “ich will, dass keine Schwulen Werbung für meine Nudeln machen”, nun diskriminierend ist oder nicht.

Ich hingegen, ich greife im Supermarkt einfach nicht mehr zu den Nudeln. Ich muss das gar nicht diskutieren unter dem Statusupdate von n24 oder in der Facebook Gruppe einer Graswurzelbewegung.

 

Vielleicht schreibe ich das hier doch eher für mich, als Erinnerung an gute Vorsätze und Erfahrungen. Aktueller denn je, wenn ich die Neuigkeiten zur Ukraine, Russland und den Eskalationen am Gazastreifen verfolge.

Dazu mein Appell an mich und an alle: Sich auseinandersetzen anstatt konsumieren. Im Internet, auf Demos, auf Veranstaltungen, abends mit dem Partner auf der Couch…..

…. und das ein oder andere Emoticon ist doch okay ;-)

 







x


Noreen Chen, mittendrin in den 20er Jahren, kommt aus München und bedient dort nahezu jedes Klischee einer Studentin. Nicht ganz desillusioniert aber ordentlich verwirrt von Idealen und Utopien, schreibt sie über alles, was das Leben ihr zeigt. Und Schuhe.

Ach, und Bier natürlich auch.

comments powered by Disqus