Der Sucher nach der Wahrheit

NSU-Prozess Gibt es eine Wahrheit? Oder ist die Wahrheit nur die Lüge in Perfektion?

Über das Gericht, das nun am 6. Mai endlich mit seiner Arbeit beginnen kann, ist viel Häme ausgeschüttet worden. Vor allem über den Vorsitzenden Manfred Götzl.

Unfähigkeit, mangelnde Sensibilität der Presse gegenüber, sind noch die harmloseren der Vorwürfe, die erhoben wurden. Man fragte sich querbeet durch die Medien und Bloggergemeinden, ob dieser Mann überhaupt in der Lage sei, einen solchen Mammutprozess zu führen und ging teilweise sogar so weit, ihm politische Abhängigkeit, ja sogar Voreingenommenheit, bis hin zur Befangenheit zu unterstellen.

Das sind im Prinzip harsche Worte und schwere Vorwürfe gegen einen Richter, belegen kann sie aber keiner.

Das muss einen auch nicht verwundern, denn die meisten kennen den Vorsitzenden Richter am OLG München entweder gar nicht, oder wenn, dann nur vom Hörensagen.
Götzl sucht die Öffentlichkeit nicht, er geht ihr, so weit es ihm möglich ist, aus dem Weg.
Interviews mit ihm wird man kaum finden.

m.gifford / Flickr (cc)

Sein Familienleben ist tabu, nur die wichtigsten Eckdaten sind bekannt. Über 60, seine Laufbahn in der bayerischen Justiz, verheiratet, zwei Kinder. Aber das war es auch schon und mehr muss man auch nicht wissen. Selbst wenn man mit ihm in Verhandlungspausen oder einfach mal so entspannt zusammensitzt, wird man auch nie mehr darüber erfahren und wer doch etwas mehr erfährt, bringt es nicht an die Öffentlichkeit. Aus Respekt vor ihm, seiner Person und seiner Position als Richter.

Geschildert wird er des öfteren als kleiner Vulkan, der immer kurz vor dem Ausbrechen sei, als Choleriker, emotional immer auf Level Dampfkochtopf.

Dann kennt man ihn nicht. Götzl ist im Prinzip ein ruhiger Mensch, einer der zuhören kann. Der sein Interesse für den Gegenüber und was der sagt nicht spielt, sondern ernst meint. Das gilt im privaten Bereich, wie auch im beruflichen.

Götzl kann sehr sensibel agieren. Wer einmal erlebt hat, wie er feinfühlig mit Zeugen umgeht, die mit schwerer Zunge über ihre Erfahrungen mit dem NS-Regime berichten, über ihr Leiden in den KZs, der muss nicht befürchten, dass er diese gleiche Empathie nicht auch den vielen Angehörigen der NSU-Opfer entgegenbringen wird.

Das ist der eine Götzl und es gibt auch den anderen. Den Suchenden nach der Wahrheit. Davon ist er besessen. Es läßt sich kein anderer Ausdruck dafür finden.

Götzl bohrt nach der Wahrheit und er bohrt so lange, bis er sie findet, oder meint, sie, oder, was überhaupt noch an Wahrheit zu finden ist, gefunden zu haben.

Und bei dieser Suche kann der sonst so ruhige, souverän wirkende Vorsitzende sehr impulsiv werden. Impulsiv ist eigentlich sehr milde ausgedrückt, denn man kann ihm beim Ausbruch zusehen. Wenn der Kopf unter den kurzen Haaren sich rötet, er sich die Brille zurechtrückt und einen fixiert, dann ist Gefahr im Verzug. Dann wird es nicht nur laut im Gerichtssaal, es wird sehr laut und unter einer eiskalt schneidenden Stimme zuckt dann auch manch Nichtbetroffener zusammen.

Denn Götzl kann eines auf den Tod nicht ausstehen, belogen, oder für dumm verkauft zu werden. Egal, wer das versucht, ob Zeuge, Sachverständiger, Angeklagter, Verteidiger oder auch Staatsanwalt, erkennt spätestens dann, dass dieser Richter die Akten gelesen und nicht nur überflogen und ein sehr sensibles Gespür dafür hat, wenn ihm einer ein X für ein U vormachen möchte.

Götzl ist ein Pedant. Anders kann man das nicht beschreiben. Einer, der sich mit Akribie vorbereitet. Für diesen Prozess brütet er schon seit mehr als einem halben Jahr über den Akten. mehr als 1000 Leitzordner an der Zahl. Und er kennt diese Akten oft sogar besser als die Staatsanwälte und alle anderen Prozessbeteiligten.

Es wird schwer werden, etwas über Manfred Götzl herauszufinden, was ihn als Richter abwerten könnte. Juristisch ist er kaum angreifbar. Er hat Scheungraber verurteilt. Das Urteil hatte Bestand. Er hat, nach einer sehr sensibel geführten Verhandlung, Ladislav Niznansky von den ihm zur Last gelegten NS-Verbrechen frei gesprochen. Das Urteil hatte Bestand.

Es gibt bisher überhaupt nur ein Urteil von ihm, das bisher aufgehoben wurde.

Das liegt nicht daran, dass Manfred Götzl ein derart versierter Jurist ist, der seine Verfahren und Urteile revisionssicher machen könnte.

Es liegt daran, dass dieser Mann sich der Wahrheit und dem Recht verschrieben hat.



gvg  04.05.2013 | 13:2120

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