"Wir haben ein Problem!"

Pressefreiheit Die Gedanken sind frei. Das werden Sie auch bleiben.
Nur was nützen die Gedanken, wenn man sie irgendwann nicht mehr frei zu Papier bringen, mit anderen teilen kann?

 

 

Die Pressefreiheit, ständig in aller Munde, ist dauernd in Gefahr. Und je linker der Mund drauf herum kaut, desto größer scheint die Gefahr zu sein, in der sie sich befindet.

Schaut man dann genauer hin, wenn sie denn wieder einmal in Gefahr zu schweben scheint, dann entpuppt sich das große Geschrei meist als Banalität. Ein Anruf eines Parteisekretärs bei einem Sender, den oder den Beitrag nicht zu senden, oder die unliebsame Passage des Parteivorsitzenden doch bitte möglichst wieder rauszuschneiden. Ein Seehofer, Volkstribun aus bayrischen Landen, der einem „auswärtigen“ Fernsehteam“ am liebsten die Einreise verbieten möchte.

Markige Worte und Ansagen, aber Peanuts. Meist bedingt aus einem Gefühl der Ohnmacht oder der oanen, oder zwoatn Mass zvui. Über solche Attacken, vorgetragen mit der verbalen Brechstange, schmunzelt die Pressefreiheit nur.

Bedenklicher sind die kleinen, feinen Nadelstiche, die am Publikum vorbei, von den wenigsten beachtet, selbst von denen, die es beträfe nicht, auf die Freiheit der Presse verübt werden.

Benno Stieber hat sich auf ZEIT ONLINE einer solchen kleinen, auf den ersten Blick eher unscheinbaren Angelegenheit befasst und dazu einen feinen, pointierten Artikel geschrieben.

Der Kampf des Hubert Denk aus Passau um seine Pressefreiheit dauert nun fast schon volle 3 Jahre, ein Ende ist nicht abzusehen. Den Großkopferten Schottdorf, der ihn durch sämtlich verfügbaren Instanzen verfolgte, mit einem Prozess nach dem anderen überzog, den konnte er erfolgreich abschütteln. Hubert Denk hat alle Instanzen für sich entscheiden können und damit auch für die Freiheit der Presse. Bei der Staatsanwaltschaft, die ihm mit Verve und Manpower im Nacken sitzt und ihm mit aller Macht eine Straftat, „Anstiftung zur Verletzung eines Dienstgeheimnisses“ anlasten möchte, nein, nicht möchte, sondern muss, dürfte es schwieriger für den Hubert Denk aus Passau werden.

Nicht nur, weil er mit einem Erbe zu kämpfen hat, das ihm noch eine inkompetente, in allen Bereichen überforderte Ex-Justizministerin hinterlassen hat, sondern weil er allein auf weiter Flur um seine Rechte kämpfen muss. Frau Merk wurde von Seehofer entsorgt, sie war einfach nicht mehr „tragbar“. Das Verfahren gegen Denk ist zwar auch nicht tragbar, läuft aber weiter.

Und Denk ist allein. Sein Problem ist, kein festes Mitglied einer Redaktion zu sein, kein Leyendecker bei der Süddeutschen Zeitung. Denk hat keine voll besetzte, erfahrene Rechtsabteilung hinter sich, die ihn notfalls schützt. Denk ist freier Journalist, Einzelkämpfer. Und als solcher hat er die Arschkarte gezogen.

Und man hat ihn allein gelassen. Die Süddeutsche Zeitung, die zwar gerne seine Enthüllungen gedruckt hat, weil es der Auflage dienlich ist, aber sofort den Rückzieher machte, als es vermeintlich juristische Probleme gab. Die SZ ist eingeknickt vor einem Großkopferten und seinen Anwälten, Denk ist standhaft geblieben und bekam Recht. Seine Recherchen waren sauber.

Allein gelassen hat ihn auch seine journalistische Interessensvertretung. Beiträge? Ja gerne! Rechtschutz? Nein danke! Die freien Journalisten kennen das, müssen damit leben. Ihre Interessensvertretungen kassieren zwar gerne, stellen dafür auch einen netten bunten Ausweis aus, mit dem man bei Bedarf auch kostengünstig einkaufen, fliegen, logieren kann, aber dafür, dass man als freier Journalist auch das Geld verdient, um sich etwas kaufen zu können, darum kümmern sie sich nicht. Im Gegenteil. Oder hat eine Journalistengewerkschaft schon irgendwann einmal für einen Mindestlohn gekämpft? Nein, sie haben durchweg alle Honorarkürzungen für Freie Journalisten stillschweigend mit abgesegnet. Gewerkschaften, die nur die Interessen der Verleger im Auge haben und vertreten sind so überflüssig, wie ein Kropf.

Die trickreiche Variante der bayrischen Ermittlungsbehörden, Hubert Denk einer vermeintlichen Straftat zu bezichtigen um damit den Informantenschutz auszuhebeln und Zugriff auf seine Unterlagen zu erhalten ist nur die eine Variante, die Pressefreiheit einzuschränken.

Die wirkliche Gefahr droht von innen.

Der Journalismus ist in einer Sinnkrise gelandet. Überwiegend selbst verschuldet. Man ist so beschäftigt mit seinen Fehleinschätzungen, mit seinen inhaltlichen, konzeptionellen Krisen, seiner Unfähigkeit, seinem Verwalten der bisherigen Pfründe, mit seiner Angst neue, gangbare Wege in eine elektronische Zukunft zu finden, dass man dabei völlig übersieht, dass so nebenbei das kostbarste Gut opfert wird, die Pressefreiheit. Und das, weil man sich in seiner Existenzangst so nebenbei der Rüstung entledigte, die einen mal so unangreifbar machte.

Freiheit bedeutet auch Mut. Freiheit bedeutet auch Risiken einzugehen. Pures Sicherheitsdenken, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, nur nicht anecken zu wollen, vermag vielleicht Freiheit vorzugaukeln, bedeutet aber letztlich nur, sich selbst Ketten anzulegen.

Hubert Denk aus dem kleinen unscheinbaren Passau ist so einer, der sich nicht dieser Oberflächlichkeit der Mediengesellschaft beugen will. Hubert Denk ist Journalist.

Und er ist allein! Weil er allein gelassen wird von all den anderen, den Mutlosen, den Opportunisten, den Sachstandsbewahrern, von denen, die sich mit ihrem Presseausweis Rabatte geben lassen und dafür gerne ihr journalistisches Gewissen an den Meistbietenden verhökern.


Die Hubert Denks wird es bald vielleicht nicht mehr geben. Die Pressefreiheit dann aber auch nicht mehr, weil sie geopfert wurde auf dem Altar der verlegerischen Eitelkeiten.

gvg   02.01.2014

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