Rojava wird nicht sterben!

Man kann Menschen vertreiben, ermorden. Länder, Gebiete, Städte erobern und vernichten. Die Gedanken, Ideen, Visionen der Menschen leben dennoch weiter.

 




Warum ist Kobanê Erdoğan so ein Dorn im Auge, dass er nicht nur mit widerwärtigem Kalkül zusehen will, wie die Einwohner dort abgeschlachtet werden, sondern auch in Kauf nimmt, dass in der Türkei selbst der Konflikt mit der PKK aufflammt und das wahrscheinlich gewaltsamer als je zuvor?

Die Interessen des IS an diesem Gebiet und die Liquidation/Vertreibung der Kurden dürften auf der Hand liegen, aber was befürchtet also Erdoğan?


Strategisch ist diese kleine Enklave ohne nennenswerte Bedeutung, auch wenn sie direkt an die Türkei grenzt. Wirtschaftlich hat diese Region ebenso wenig zu bieten. Der Grund ist ein anderer und für Erdoğan, der ja selbst in der Türkei nicht nur einen fundamentalistischen Gottesstaat errichten möchte, der sich von dem der IS nicht grundlegend unterscheidet, sondern der an Stelle Assads treten und seinen Einfluß im Nahen Osten ausweiten möchte, ein wesentlich gefährlicherer.


Denn weitgehend unbemerkt vom öffentlichen Welt- und Medieninteresse hat sich binnen kurzem in Rojava ein von Erdogans Hassgegner Öcalan auf den Weg gebrachtes kurdisches Gesellschaftsmodell entwickelt, das, sollte es sich ausweiten, nicht nur für die religiösen Fanatiker dieser Region ein Desaster wäre, sondern auch Erdogans Vorhaben der radikalen Islamisierung der türkischen Gesellschaft torpedieren könnte, wenn es dort von den moderaten und liberalen, modernen Kräften aufgenommen würde.


Ein Gesellschaftsmodell, das auf friedlichem Miteinander unterschiedlicher Ethnien und Religionen basiert. Ein Modell, das sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Ziel setzt und nach sozialen Grundprinzipien strebt, auf Bildung setzt, einhergehend mit dem Versuch, die direkte Demokratie so weit als möglich in die Praxis umzusetzen.


Die ersten Schritte dahin sind längst gemacht und in der relativ kurzen Zeit ist man schon weiter gekommen, als zunächst gedacht. Ein Gesellschafts- und Politikmodell, das nicht nur auf die kurdische Bevölkerung zugeschnitten ist, sondern, theoretisch, weltweit Schule machen könnte. weil es sich vorrangig auf die Bedürfnisse der Menschen konzentriert und von diesen verstanden und aufgenommen wird.


Nicht die Waffen der PKK, der Peshmerga, der Kurden insgesamt sind für jemand, wie Erdoğan eine Horrorvision, sondern diese Idee ist es, diese Vision einer Gesellschaft auf gegenseitiger Augenhöhe und Respekt. Ein Modell, das man auch nicht in Kerkern verschwinden lassen, nicht hinterrücks meucheln kann.

Vielleicht denkt Erdoğan tatsächlich, wenn Kobanê fällt, dann fällt auch diese Vision von einem möglichst selbstbestimmten Leben. Da täuschen sich aber nicht nur er, die Türkei und alle anderen, die sogenannte westliche Allianz gegen die IS, inklusive der deutschen Politik mit eingeschlossen.

Eine Vision, die mit derart vielen Opfern, mit so viel Blut erkauft werden muss, die wird nicht schwächer, oder verschwindet in der Versenkung. Sie wird nur umso mächtiger.


gvg    








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