"Schluss mit kostenlos" - Eine Gegenrede

Paywall Eine Replik auf Jakob Augsteins Artikel im Freitag, Ausgabe 22/13

Je öfter ich den Text von Jakob Augstein lese, desto mehr stellen sich bei mir die Nackenhaare hoch.

Dass der Journalismus hierzulande in einer deftigen Krise steckt, hat wohl jeder mitbekommen. Die Journalisten zuerst, und zwar die Freien, die nach dem Hire & Fire-Prinzip angeworben und genauso schnell auch wieder fallen gelassen wurden, aber auch der Leser und letztlich auch das festangestellte Personal, wenn es die Kündigung mit ein paar warmen Worten überreicht bekam.

Was mich an dieser ganzen Diskussion stört, ist die Verlogenheit mit der argumentiert wird.

Es wird so getan, als sei es überwiegend der Einbruch im Anzeigenbereich, der die Verlage und Zeitungen in die roten Zahlen getrieben hat. Dieser Einbruch war deutlich spürbar, das stimmt, aber er ist nur zum Teil – vor allem zum kleineren Teil – für die Misere der gesamten Branche zuständig.

"Schluss mit kostenlos" - Eine Gegenrede

Foto: Sam Howzit / Flickr (CC)

Entscheidender Faktor war und ist eher der Umstand, dass der Leser abspringt, seine Abos kündigt und dazu das vorher favorisierte Produkt auch nur noch unregelmäßig am Kiosk erwirbt.

Statt aber den Schuldigen für diese Entwicklung bei sich selbst zu suchen, macht man sehr schnell das Internet dafür verantwortlich. Vor allem das kostenlose Internet.

Die Verlage sind gewarnt worden, als der Boom der Online-Auftritte um die Jahrtausendwende begann. Sie sind deutlich gewarnt worden von denjenigen, die schon mit diesem neuen Medium experimentierten und nicht blauäugig in die digitale Zukunft stolperten.

Die Warnungen wurden samt und sonders von den Verlagen runtergebügelt, dazu mit einer Arroganz, die ihresgleichen gesucht hat. Eine Arroganz übrigens, die sich in Augsteins Kommentar wiederspiegelt und zeigt, dass man in den Redaktionsetagen offenbar nichts aus der Krise dazugelernt hat.

Es ist absolut verständlich, dass man seinen Berufsstand abgrenzen und schützen will, zumal die Berufsbezeichnung "Journalist" als solche nicht geschützt ist, also jeder sich mit diese Feder schmücken kann. Aber was ich jetzt sehe und lese, ist blinde Stutenbeißerei.

Aus den Äußerungen Augsteins in punkto Herrschaftskontrolle der "gelernten" Journaille über die Flut der Blogger spricht auch Angst. Natürlich haben die meisten Redakteure in den Chefetagen ihr Handwerk gelernt, und in diesen Punkten haben Blogger ohne Zweifel erhebliche Defizite, aber nur weil jemand Journalistik studiert hat, von einer Journalistenschule kommt, bedeutet das nicht, dass er auch ein fähiger Journalist ist. Ein guter Handwerker ja, ein Journalist, nicht unbedingt. Genauso wenig, wie einer, der mit summa cum laude seine Examina absolviert auch zwangsläufig ein fähiger Richter, Anwalt oder Arzt wird. Da wäre ein wenig mehr Selbstkritik und Demut schon angebrachter, anstatt blindwütig um sich zu beißen.

Selbstkritik schon deshalb, weil die Misere, in der der Journalismus jetzt steckt und die nicht aus heiterem Himmel kam, sondern sich seit Jahren schon ankündigt, hausgemacht ist.

Der Leser hat zum überwiegenden Teil seine langjährigen Abos nicht deshalb gekündigt, weil er plötzlich alles kostenfrei im Netz lesen konnte, sondern weil die journalistische Qualität immer mieser wurde. Vor allem die ältere Generation, die, die einen PC nie angefasst hat, reagierte sehr sensibel auf diese Qualitätsverluste. Bei mir und anderen zuhause gab es regelmäßig SZ, Spiegel, Stern, Zeit und ein Lokalblatt morgens auf der Fußmatte oder wöchentlich im Briefkasten. Am Ende war es nur noch die Zeit, die übrig blieb. Und die Alten haben sich es nicht leicht gemacht, die Abos zu kündigen, aber irgendwann waren sie eben nicht mehr bereit, durchschnittlichem Content Geld hinterher zu werfen. Und die Jüngeren haben es ihnen nachgemacht. Zum einen konnten die sich im Netz schneller informieren über das Alltagsgeschehen und hatten/haben keine Lust, am Morgen danach in der Zeitung nur das nachgeplappert wiederzufinden, was sie eh schon wussten. Zum anderen verflachte die Medienlandschaft mehr und mehr, setzte nur noch auf aktuelle hypes, statt ihrer eigentlichen Aufgabe nachzukommen: fundiert über die Hintergründe dessen zu informieren, was man abends schon in der Tagesschau in Kurzfassung sehen konnte.

Und jetzt muss ich mir von einem Herrn Döpfner, einem DiLorenzo, einem Augstein sagen lassen, der Leser sei schuld an dieser Entwicklung? Der Leser, weil er sich daran gewöhnt habe, im Internet alles für lau zu bekommen und damit den Journalismus in eine wirtschaftliche Krise getrieben habe?

Ja, hackt's denn? Wer hat entgegen aller Warnungen seinen kompletten Inhalt kostenlos ins Netz gestellt? Und Sie, Herr Augstein, jetzt stellvertretend für alle anderen Verlage, wurden gewarnt: Stellt nicht alles ins Netz, macht Teaser, macht den Leser neugierig, so dass er entweder abonniert oder sich am Kiosk das Produkt kauft. Aber nein, in ihrem Größenwahn wussten sie es ja besser, die Herren Chefredakteure und Verleger.

Und jetzt, als sie endlich kapiert haben, welchen Bockmist sie da gebaut haben, verfallen alle in Torschlußpanik. Gelernt haben sie noch immer nichts.

Von wegen Selbstkritik und Einsehen, dass sie ihren kompletten Berufsstand an die Wand gefahren haben, bzw. dabei sind, ihn an die Wand zu fahren. Jetzt ist wieder der Leser schuld.

Erst den Leser über Jahre an eine Kostenloskultur gewöhnen um ihm jetzt die Schuld zu geben, weil er sich daran gewöhnt hat?

Hallo, Herr Kollege, geht‘s noch?

Und die Behauptung, bzw. die Prognose, wenn die Paywall übergreifend eingesetzt ist, dann würde schlagartig der Journalismus an Qualität zulegen, zu seinen alten bewährten Wurzeln und Fähigkeiten zurückfinden, sucht schon ihresgleichen.

Und da hört man schon wieder die Arroganz heraus. Wir wissen, was gut für den Leser ist, denn der Leser ist von Haus aus erst einmal doof.

Mein lieber Herr Augstein, wer so etwas denkt und glaubt, damit durchzukommen, der sägt nicht mehr an dem Ast auf dem er sitzt, der ist dabei, sich die Schlinge um den Hals zu legen.

gvg    30.05.2013

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