Und Ihr sprecht nicht für mich!

 


Die Tanzbären sind los!


Wer den Aufruf: "Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!", der kürzlich in der Zeit veröffentlich wurde, einmal genau durchliest, dem dürfte so einiges dabei auffallen.


Nicht die Liste der Unterzeicher ist gemeint, auch wenn da ein paar Namen auftauchen, wie der von Gazprom-Gerd, bei denen völlig klar ist, dass die nur rein persönliche Interessen leitet, nämlich so lange, wie möglich noch vom russischen Geldhahn profitieren zu können, aus dem Text spricht die pure Angst. Und so sehr man darauf abhebt, in den letzten 25 Jahren habe sich im Verhältnis Europas zu Russland so viel zum Positiven verändert, kaum brummt der russische Bär und fährt die Krallen aus, fangen bei vielen sofort die Knie an zu schlottern.


Was hat sich denn nun wirklich im Verhältnis zu Russland so gravierend verändert, was man mit allen Mitteln, bis hin zur Selbstzerfleischung und Selbstaufgabe "verteidigen" müsste? Ausser einem stillschweigenden Nichtangriffspakt und lukrativen Wirtschaftsbeziehungen doch rein gar nichts. In UNO, im Sicherheitsrat, in allen anderen UN-Organisationen, verhält sich das heutige Russland nicht anders als sein Vorgänger die UDSSR. Man pocht auf seinen hegemonialen Machtanspruch und blockiert so ziemlich jede Entscheidung, die den eigenen Machtansprüchen entgegenstehen könnten. Zusammenarbeit mit Russland ist kaum möglich und wenn, dann nur in den seltensten Fällen.


In Syrien hat Russland kompromisslos das Regime von Assad unterstützt und jeden Versuch, eine demokratische Gegenbewegung aufzubauen, im Keim erstickt. Warum? Man brauchte seinen syrischen Flottenstützpunkt als Brückenkopf im Mittelmeer und die strategische Position des Landes im Nahen Osten. Was hat dieses Vorgehen hervorgebracht? Den IS und einen mörderischen Bürgerkrieg.


Ähnliches Spiel mit den Ayatollahs im Iran. Man beteiligt sich an Gesprächen, aber nicht, um eventuell eine neue Atommacht Iran zu verhindern, sondern ihm das Knowhow und das Material dafür zu liefern, hoffend und kalkulierend, dass sich dadurch eine strategische, dauerhafte Allianz etabliert.


Jetzt werden Kritiker sagen, die USA agieren genauso. Stimmt! Aber ist das ein Grund, vom Regen in die Traufe marschieren und den Teufel mit dem Beelzebub austreiben zu wollen? Russland wird seinen Großmachtanspruch nie aufgeben. Auch nicht in einer Allianz mit Europa.


Menschenrechte existieren für Russland nicht. Nicht einmal im eigenen Land. Was hat sich denn geändert seit dem Zerfall der Sovjetunion? Der Kreml hat seine Macht geteilt mit ein paar Oligarchen und zusammen kontrolliert man das Land, wie es einst die Zaren taten. Das vormalig kommunistische und auf ganzer Linie versagende Wirtschaftssystem hat man kurzerhand durch ein neoliberales kapitalistisches System ersetzt, das an Brutalität alles in den Schatten stellt. Und an der Spitze steht ein Neofaschist par exzellence namens Putin, der vor lauter Testosteron und Machtgier kaum noch laufen kann.


Demokratische Verhältnisse gibt es in diesem Land nicht. Minderheiten werden unterdrückt, freie Presse wird ausgeschaltet, Kritiker werden weggesperrt oder im Auftrag des Kreml ermordet. Das Volk vegetiert am Existenzminimum herum und die Reichen werden immer fetter und unverschämter.


Und man führt wieder Krieg. Ob in Georgien, Tschetschenien, Abchasien, Transnistrien, ob auf der Krim oder im Osten der Ukraine. Man droht offen den baltischen Staaten und versucht mit gewaltiger finanzieller und personeller Unterstützung der rechtsnationalen Gruppierungen in Westeuropa die europäische Gemeinschaft zu destabilisieren und auseinander zu dividieren.

Das ist Russland heute.


Und warum, frage ich mich jetzt, soll ich solch einen faschistoiden, machtgierigen, menschenverachtenden Staat in Europa oder als Teil Europas haben wollen? Ein Staat, dessen Politik, dessen Staatsform und dessen Umgang mit seinen Bürgern allem widerspricht, was wir humanitären, demokratischen, europäischen Standard nennen?
Aus Furcht, der russische Bär könnte wieder gefräßig werden und Hunger auf die europäischen Bienenkörbe bekommen?
Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Es gibt keinen Grund, vor Russland auf die Knie zu fallen und diesen Aufruf zu unterzeichnen, solange Russland an dieser Politik festhält.


Was auffällt an dem Text, den ja auch so viele aus dem Künstlerbetrieb unterzeichnet haben, es wird ständig von Sicherheit geschwafelt, von Friedenspflicht, von Feindbildern und von dem, was Russland angeblich politisch mit Europa vereinen soll und das wir, Europa, dieses Russland weder reizen noch vergrätzen sollten. Aus dem Text spricht, wie gesagt, die nackte Angst, all das, was man sich im Laufe der Zeit an westlichen Bequemlichkeiten aufgebaut und angehäuft hat, könnte in Gefahr geraten, weil man einen aggressiven, menschenfeindlichen und totalitären Nachbarstaat in seine Grenzen weisen will. Für das Sicherheitsgefühl einiger soll Europa klein beigeben und die Menschenrechte auf dem Roten Platz zu Grabe tragen?


Interessant bei diesem Text ist doch, von Kultur findet man kein Sterbenswörtchen. Die nämlich wäre der Anküpfungspunkt, der Europa mit Russland schon immer vereinigt hat und an dem man ansetzen könnte und auch sollte. Aber interessanterweise verschwenden nicht einmal die Kulturschaffenden in diesem Land nur einen einzigen Gedanken daran. Kultur findet in diesem Text und in den Köpfen der Unterzeichner nicht statt.
Es geht eben nicht um Kultur, es geht ihnen nur um ihre Geschäfte, ihre Pfründe, die es zu verteidigen gilt und ihre persönliche Sicherheit. Gas ist offenbar wichtiger als die gemeinsame Kultur.


Diesen Aufruf kann man mit gutem Gewissen nicht unterstützen.


gvg      







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