Wenn der letzte Abspann läuft
und der Projektor für immer erlischt

Trotz Konkurrenz durch TV, DVD, Videostream steigen die Zuschauerzahlen laut FFA in Deutschland pro Jahr um ca 2-4%. Allerdings nimmt gleichzeitig die Zahl der Kinos ab. Immer mehr kleinere Lichttheater müssen die Pforten schließen. Die Krake Multiplex würgt die Konkurrenz zu Tode, den Rest erledigen die Verleihfirmen durch horrende Mieten und Knebelverträge.

Eines der kleineren Kinos, die sich bis jetzt erfolgreich wehren konnten, steht in München, nicht unweit des Hauptbahnhofs.

Das „Gabi“ nennen es Insider liebevoll. Aber kaum einer der Gäste, der das Kino an der Dachauer Straße 16 in München betritt, käme Angesichts der mittlerweile modernen Ausstattung und Technik auf die Idee, an welch ehrwürdigem Platz er sich befindet. Davon zeugen nur noch die alten Fotografien an den Wänden des Foyers und die Erzählungen der jetzigen Betreiber.

Carl Gabriel, ungekrönter König des Oktoberfests, der der Wiesn das Hippodrom bescherte, wie auch das Teufelsrad und 1908 die erste Achterbahn, war mit einem untrüglichen Gespür für den Publikumsgeschmack gesegnet und gründete 1907 die erste Abspielstätte für bewegte Bilder, kaum ein Jahr nachdem die Gebrüder Lumière in Paris ihren ersten Film aufführten. „The American Bio.-Cie“ nannte er sein Lichtspielhaus und die Münchner konnten ihr erstes Kino ihr eigen nennen. Ein Saal mit kargen Holzbänken, Körben, in denen man seine Maß abstellen konnte und im Foyer wurden fleißig Wurstsemmeln geschmiert.

Die Holzbänke sind längst Vergangenheit, bequeme Kinosessel laden heute ein, aber frisches Bier vom Fass wird nach wie vor gezapft. Nur die Wurstsemmel gibt es leider nicht mehr, dafür Süßigkeiten und das obligate frische Popcorn.

1936 übernahm Hans Büche das Kino, das längst zum Publikumsmagneten aufgestiegen war. Hans-Walter Büche, sein Neffe erinnert sich: „Mein Großvater hatte schon Kinos in Ingolstadt und Amberg und das Angebot bekommen, das Gabriel aus dem Nachlass zu erwerben. Er hätte damals auch die „Sendlinger-Tor-Lichtspiele“, die Carl Gabriel 1913 gegründet hatte, erwerben können, aber das Risiko war ihm zu groß. Schon in diesen Zeiten musste man in ein Kino genauso viel investieren wie heute und da hat er einfach kalte Füße bekommen. Das finanzielle Abenteuer war ihm einfach zu riskant.“

Das Gabriel wurde ein voller Erfolg, doch auch in dieser Zeit musste man schon mit der Konkurrenz kämpfen, denn an allen Ecken schossen die Kinos wie die Pilze aus dem Boden.

„Und dann kam der Krieg und die Situation änderte sich komplett“, erinnert sich Büche. „Wir wurden quasi zum Truppenkino, denn im Hertie um die Ecke waren die Soldaten einquartiert und die sollten unterhalten werden und auf andere Gedanken kommen. So spielten wir rund um die Uhr Filme und das so lange bis schon um uns die Bomben einschlugen. Als ein Bombentreffer die Decke beschädigte, fasste meine Mutter den Entschluss. die Projektoren bei Nacht und Nebel in Sicherheit zu bringen. Mein Vater war in Gefangenschaft und die ganze Last lag allein auf ihren Schultern. Das war damals ein gefährliches Unterfangen, denn so etwas wurde sehr schnell als Wehrkraftzersetzung geahndet. Da hätte nur ein Verrückter daherkommen und das melden müssen. Nicht auszudenken, was dann mit uns geschehen wäre. Als der Krieg vorbei war, wurden die Maschinen wieder aufgestellt und es ging ruckzuck weiter.“

Damit begann die kurze Hochkonjunktur des Gabriel, denn weit und breit war kein bespielbares Kino in der Nähe. Nachkriegsdeutschland wollte aber die großen Schnulzen sehen. Ob Romy Schneider als Sissy, O.W. Fischer oder Karl Schönböck oder Curd Jürgens, der 'Normannische Kleiderschrank'. Das Publikum hatte wieder seine Leinwandstars und etwas zum Träumen.

„Doch dann wurde die Konkurrenz immer mächtiger“, erzählt Büche weiter. „Das „Gloria“, das „Theater am Karlstor“ eröffneten und das kleine Gabriel bekam immer weniger neue Filme von den Verleihern, die schon sehr bald auf die großen Kinosäle setzten.“ Wie auch heute auf das „Matthäser“ und andere Multiplexe, die den kleinen Kinos das Leben schwer machen und sie quasi an die Wand drücken, bis sie aufgeben müssen.

„Da fingen wir dann an mit Film-Wochen, spielten alte Jeff Chandler-Filme und andere Reihen. Wir begannen französische Filme zu zeigen, auf die damals keiner setzte und hatten Erfolg. Aber jedes Mal, wenn die anderen sahen, dass wir Erfolg damit hatten, schnappten sie uns die Ideen und die Filme vor der Nase weg.“

Büche versuchte immer wieder Neues, packte Tom & Jerry Filme in ein 1 ½-stündiges Programm zusammen, hatte wieder ein volles Haus und die anderen machten es ihm nach und alles ging wieder von vorne los.

Die Ära der freizügigeren Filme begann, Oswald Kolle und Helga eroberten die Leinwände und es folgten die Filme, die Hans-Walter Büche als „FKK-Filme“ bezeichnet. Auch hier hatte er die Nase wieder vorn und spielte in den 70ern alles, was auf dem Markt war.

Doch mittlerweile fand das Fernsehen Einzug in die Wohnzimmer, später dann die Videorekorder und damit auch die freizügigeren Bilder. Damit begann die Ära des Gabriel als Porno-Kino. „Sicher hatten wir immer wieder überlegt, bei geschäftlichen Flauten, das Kino aufzulösen und das Haus zu verkaufen, doch so richtig ernsthaft dann auch wieder nicht.“

Als Kinobesitzer mit Fleisch und Blut beschloss Hans-Walter Büche in den sauren Apfel zu beißen und spielte ab sofort Hardcore. Wiederum mit durchschlagendem Erfolg. „In den Anfangszeiten gab man sich die Klinke in die Hand und die Klientel war hochkarätig. In dieser Zeit war hier im Kino fast alles, was Rang und Namen hatte. „Rudolf Mooshammer war bei uns Stammgast, aber nicht nur er. Ich nenne lieber keine weiteren Namen, aber die Prominenz aus allen Bereichen war voll vertreten.“

Das war die Zeit, in der seine Tochter Alexandra einen riesen Bogen um das Kino machte. Doch jetzt, nachdem ihr Vater diese 'Schmuddel-Filme' nicht mehr weiter ertrug und das Kino 1994 mit „Wolf – Das Tier im Mann“ als „Neues Gabriel“ wieder eröffnete, führt sie mit ihm seit acht Jahren die Geschäfte und auch sie hat der Virus längst gepackt.  Sie hatte die Idee mit den Bonuskarten. Mit dem 10. Eintritt ist der elfte frei und langsam findet das Stammpublikum zurück ins ehrwürdige Gabriel. "Letztlich müssen wir um jeden Gast kämpfen und das hat nur Erfolg, wenn er sich bei uns wohl fühlt."

Gespielt werden mittlerweile die anspruchsvolleren Mainstream-, aber auch kleinere Arthouse-Filme, auf die die Multiplexe nicht setzen wollen. Von den Verleihfirmen würde sie sich wünschen: „Dass sie die Knebelverträge überdenken und vielleicht auch die Verleihmieten, die mittlerweile über 50% der Unkosten ausmachen, ein wenig senken. Dann könnten wir möglicherweise auch künftig bei unseren niedrigen Eintrittspreisen bleiben.“

Mit Alexandra Gmell bleibt das Kino ein Familienbetrieb und manchmal konnte man sie alle zusammen antreffen. Hans-Walter Büche, seine Mutter Beatrix, die noch jeden Tag hinter dem Tresen stand und leider letztes Jahr verstarb und Alexandra Gmell, die sich ständig überlegt, was man noch verbessern könnte am Gabi, wie es die Insider so gerne nennen.

Manchmal müssen die Ideen gar nicht so neu sein. „Vielleicht gibt es bei uns bald auch wieder die nette Eisverkäuferin mit dem Bauchladen. Entscheidend ist allein, dass der Gast sich bei uns wohlfühlt und wir ihm neben einem guten Film auch ein angenehmes Ambiente bieten.“

Mit dieser Einstellung sollte das kein Problem sein in dem Kino, das zwar nicht das älteste, aber das älteste durchgehend bespielte Kino der Welt ist und hoffentlich auch noch eine lange Zeit bleibt. Den Betreibern, die mit so viel Herzblut an ihrem Kino hängen, sei es zu wünschen.

gabriel-filmtheater.de/kino/tree/node1826/city102


gvg    

comments powered by Disqus